V'19 Festivalinfo

Mit der Galavorführung des Films MARTIN EDEN in Anwesenheit von Regisseur Pietro Marcello geht die 57. Viennale am heutigen Mittwoch zu Ende. Bei einem Spieltag weniger als im Vorjahr konnte das Festival mit einer Besucher*innenzahl von 92.100 wieder einen großen Erfolg verbuchen (2018: 93.200).

„Es war eine fantastische Ausgabe mit außergewöhnlicher Resonanz unseres Publikums und der internationalen Gäste“, freut sich Viennale Direktorin Eva Sangiorgi. „Ich habe das Gefühl, dass die Viennale eine Familie ist, die ständig wächst.“

Ein erstes Highlight des diesjährigen Festivals, des zweiten unter der künstlerischen Leitung von Eva Sangiorgi, war die fulminante Eröffnungsgala im Gartenbaukino mit beeindruckenden Reden von Bundeskanzlerin Brigitte Bierlein, Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler und Eva Sangiorgi in Anwesenheit von Schauspielerin Adèle Haenel sowie mit einem emotionalen Moment der Erinnerung an den verstorbenen Viennale Präsidenten Eric Pleskow.

Das Festival-Programm der letzten 13 Tage rief beim hiesigen Publikum wie auch bei den internationalen Gästen äußerst positive Reaktionen hervor. Ein Höhepunkt unter vielen anderen war der CINEMA LIVE-Abend im Österreichischen Filmmuseum, mit Doppelprojektion und Live-Vertonung von Filmen von Silvia das Fadas. Auch der Künstler, Filmemacher und Musiker Luke Fowler präsentierte ein speziell für Wien erstelltes Programm mit neuen Filmen und Live-Musik in der Viennale Zentrale. Zu einem besonders mitreißenden Abend entwickelte sich die Premiere von Sabine Derflingers DIE DOHNAL, dem Film über die legendäre österreichische, feministische Politikerin und Frauenministerin der 1970er- bis 1990er Jahre.

Als großer Erfolg entpuppte sich die Monografie zu Angela Schanelec. Die bei der Berlinale ausgezeichnete Filmemacherin präsentierte ihre Filme persönlich und konnte sich über immensen und mit Fortgang des Festivals immer größer werdenden Zuspruch freuen. Cecilia Mangini, eine Ikone des italienischen Kinos, begeisterte das Publikum neben ihren Filmen vor allem auch durch ihre trotz ihres hohen Alters ungebrochene Energie und starke politische Haltung.

Aus Sicht des Festivals sehr erfreulich ist die Tatsache, dass viele Besucher*innen auch den Weg zu anspruchsvollen Gesprächen und Diskussionen in die Viennale Zentrale gefunden haben – wie dies beim Talk mit Angela Schanelec, der Diskussion zu dro- henden Konflikten und nahenden Kriegen sowie dem Round Table zum Thema Filmkritik der Fall war.

Die gemeinsam mit dem Filmmuseum veranstaltete Retrospektive O Partigiano! Pan-European Partisan Film konnte große – auch internationale – Aufmerksamkeit auf sich ziehen und kommt, hochgerechnet auf die Gesamtlänge des Programms, auf etwa 4.300 Besucher*innen.

 

V'19 Trailer

AI von Lucrecia Martel

Aus Pixeln schaut ein wenig verunsichert ein Auge heraus und aus einem erahnbaren Mund spricht es: „I am not completely like other people.“ Erwacht da eine KI in eine ihr noch fremde Welt hinein? Im Raum kracht, hallt und quietscht es; Gesang, Klavierspiel, Störgeräusche; aufblitzend grätschen Bilder in die Szene. Dissoziation auf mehreren Ebenen; die sich noch vervielfacht, liegen die Pixel doch über einer historischen Aufnahme aus dem Jahr 1961, die die Anamnese eines katatonisch Schizophrenen dokumentiert. Was also ist ein Bewusstsein, zumal ein menschliches? Und inwiefern hängt unser Begriff davon von dem Bild ab, das wir uns machen können? Die alles entscheidende Frage im Assoziationsbehandlungsraum aber lautet: What is it you’re trying to do with your life? (Alexandra Seitz)
 

AI
Lucrecia Martel, Argentinien/A, 2019, 2 min, eOF

Ton & Mischung: Tritón Sonido (Manuel de Andrés, Guido Berenblum, Gerardo Kalmar)
Postproduktion: Sebastián Toro
VFX: Julian Stirparo
Produktion:  Rei Cine (Benjamin Domenech)
Weltvertrieb: sixpackfilm
Weltrechte: Viennale

 

V'19 Sujet

Konzept & Realisation: Rainer Dempf
© Viennale

 

V'19 Gäste

Die Viennale konnte in diesem Jahr 180 Regisseur*innen und Schauspieler*innen in Wien willkommen heißen, die ihre Filme persönlich beim Festival präsentierten.

Zu den deutlich über 50 internationalen Medien, die 2019 bei der Viennale vertreten waren, zählten der Tagesspiegel, Der Spiegel, die TAZ, Libération, France24 TV, Expresso (P), NRC Handelsblad (NL), BBC World, La diaria (E), Brecha (E), Oslobodjenje sowie Fach und Branchenmedien wie Cahiers du cinéma (F), Sight & Sound (GB), Film Comment (USA), Cinemascope (KAN), Filmmaker Magazine (USA), Trafic (F), Cineuropa, mubi.com (USA), Blickpunkt:Film (D), kinozeit.de (D), artechock.de (D), critic.de (D), epd Film (D), Cargo (D), Freitag (D), Positif (F), Ekran (SLO), Cinephilia (GR), otroscines.com (ARG), La vida útil (ARG), Canal Once (MEX), Cinética (BRA), Scena9 (RO), colta.ru (RUS), Senses of cinema (AUS), De filmkrant (NL) u.v.a.

Wir durften zudem Vertreter*innen der Berlinale sowie der Filmfestivals von Locarno, Rotterdam, Marseille, Lissabon, Leipzig, München, Karlovy Vary, Montevideo, Dresden, Warschau, Jeonju City u.a. bei der Viennale willkommen heißen.

Insgesamt waren rund 650 Medien- und Branchenvertreter*innen bei der Viennale 2019 akkreditiert.

Wir freuen uns auf ein Wiedersehen beim Festival 2020!

 

V'19 Filmpreise

WIENER FILMPREIS
Jury: Alexander Charim, Herwig Kempinger, Helga Rössler

Der Wiener Filmpreis, eine von der Stadt Wien gestiftete und im Rahmen der Viennale vergebene Auszeichnung, gilt einem aktuellen österreichischen Langfilm, der im vergangenen Jahr zur Aufführung gelangte. Die Dotierung dieses Preises besteht aus einem Geldbetrag, der von Seiten der Kulturabteilung der Stadt zur Verfügung gestellt wird, einer monetären Unterstützung von Hotel The Harmonie Vienna, sowie großzügigen Sachwerten, gestiftet von den Sponsoren BLAUTÖNE und viennaFX. Beim Wiener Filmpreis werden zwei Preise vergeben: der Preis für den besten österreichischen Film und der Spezialpreis der Jury. Durch die Großzügigkeit und das Engagement aller Beteiligten ist der «Wiener Filmpreis» weiterhin Ermutigung und Anerkennung für die Arbeit österreichischer Filmemacher und Filmemacherinnen.

Bester österreichischer Film

(c) Viennale

SPACE DOGS, Elsa Kremser, Levin Peter, A/D 2019

Auszug aus der Jurybegründung:
SPACE DOGS von Elsa Kremser und Levin Peter erzählt von Laika, der ersten Hündin im Weltraum, von ihrer brutalen Erziehung und ihrem einsamen Tod im Dienst der Sowjet-Propaganda. Und er sucht im heutigen Moskau nach Laikas Geist und folgt dafür einigen Straßenhunden auf dem Weg durch die Stadt.
Dafür nimmt der Film die Position von Hunden ein und blickt mit ihren Augen auf die seltsame Menschenwelt, von denen man meistens nur die Beine sieht.  Es geht also nicht um eine Menschenwelt mit Hunden, sondern um eine Hundewelt, in der es zufälligerweise auch noch ein paar Menschen gibt. Man sieht diese Hunde wütend und müde, einsam und verspielt, stolz und bösartig, zärtlich und hungrig. Man sieht wie die Tiere von Menschen ge- und missbraucht werden und wie sie trotzdem sie selbst bleiben, auch wenn das manchmal nicht schön anzuschauen ist.
Der Zuschauer kommt diesen Hunden sehr nah, dank einer hechelnden, tanzenden, agilen, großartigen Kamera von Yunus Roy Immer. Ich wusste vor diesem Film nicht, dass ich Moskauer Straßenhunden überhaupt so nahe kommen will.
Dieser Film ist voll von Erfahrungen, die man so noch nicht gemacht hat und voll von Bildern, die man so noch nie gesehen hat. Er ist brutal, komisch, poetisch, erschreckend, überraschend. Es ist kein Dokumentarfilm, obwohl er von der Wirklichkeit erzählt, es ist kein Spielfilm, obwohl wir den Hunden in die Seele schauen können. Dieser Film erfindet seine eigene Form. Eine Jurykollegin sagte: Nach diesem Film braucht man einen Schnaps. Was kann es für ein schöneres Kompliment geben?

Spezialpreis der Jury

(c) Viennale

BEWEGUNGEN EINES NAHEN BERGS, Sebastian Brameshuber, A/F 2019

Auszug aus der Jurybegründung:
SLOW DOWN. MEN AT WORK.
Eine afrikanische Parallel–Wirtschaft in der Steiermark, von der auch ungarische und einheimische Interessenten profitieren. Das ungarische KFZ–Händlerpaar beneidet Cliff, den nigerianischen Mechaniker, der bald seine nach Afrika geschickten Autoteile dort verkaufen wird: "In December in Africa - just sun? No jacket? That´s good!"
Ein ruhiger, poetischer, berührender Film, der mehr Fragen aufwirft, als er beantwortet, der nicht vorher weiß, was er finden wird.

 

STANDARD-VIENNALE-PUBLIKUMSPREIS
Jury: Maximilian Gurschler, Astrid Kaltenegger, Barbara Macek, Agnes Peterseil, Philip Stöger        

Der Preis der Standard-Leserjury geht an einen Film, der noch keinen Verleih in Österreich hat und dem ein Kinostart in Österreich besonders empfohlen wird. Findet der Film einen Verleih, ist der Kinostart mit kostenlosem Anzeigenraum in der Tageszeitung «Der Standard» verbunden.

Der STANDARD-PUBLIKUMSPREIS geht an:

(c) Viennale

DYLDA, Kantemir Balagov, Russland 2019

Auszug aus der Jurybegründung:
Emotional bewegend und in kräftigen Farben erzählt Balagov die Geschichte zweier junger Frauen, die aus dem Zweiten Weltkrieg zurückkehren und in einem Lazarett in Leningrad Kriegsversehrte versorgen. Er bricht dabei immer wieder mit Erwartungshaltungen und stellt Momente der Heiterkeit schonungslos dem bitteren Ernst des Lebens im Lazarett gegenüber.
Der Film nimmt eine radikal subjektive und vor allem weibliche Perspektive ein, um die zerstörerischen Folgen des Krieges zu zeigen, die irreparablen emotionalen Beschädigungen, aber auch die Kraft, die aus der Auflehnung gegen die vergangenen, bis in die Gegenwart reichenden Schrecken entspringt. 

 

FIPRESCI PREIS (PREIS DER INTERNATIONALEN FILMKRITIK)
Jury: Žiga Brdnik (Casopis Večer, Film magazine Ekran, Dialogi), Magdalena Miedl (Salzburger Nachrichten, ORF.at), Alejandra Trelles (La Diaria, Brecha)

Zur Auswahl steht eine Reihe von Erst- und Zweitfilmen von Regisseur*innen.

Der FIPRESCI-Preis geht an:

(c) Viennale

GIRAFFE,  Anna Sofie Hartmann, D/DK 2019

Auszug aus der Jurybegründung:
Der FIPRESCI-Preis geht an einen Film, der auf sublime Weise von persönlicher und alltäglicher Geschichte erzählt. Durch eine Liebesgeschichte zwischen Ost und West, der Reiferen und dem Heranreifenden, verknüpft er geschickt – und so lebensnah, wie es nur geht – verschiedene Zeiten: die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Dies erfolgt durch zwei mächtige und gegensätzliche Metaphern menschlicher Fähigkeiten und natürlicher Schönheit – einen Tunnel und eine Giraffe. Der Preis geht an den Film GIRAFFE von Anna Sofie Hartmann

 

ERSTE BANK MehrWERT-FILMPREIS
Jury: Silvia Bohrn, Boris Manner, Jed Rapfogel

Die Erste Bank vergibt heuer zum neunten Mal den «Erste Bank MehrWERT-Filmpreis» unter den bei der Viennale 2019 präsentierten Filmen österreichischer FilmemacherInnen. Der Erste Bank MehrWERT-Filmpreis ermöglicht einen zweimonatigen Aufenthalt in New York verbunden mit einer Präsentation der Arbeiten des Preisträgers in New York. Die Realisierung des Erste Bank MehrWERT-Filmpreises findet in Zusammenarbeit mit der Viennale, dem Deutschen Haus at NYU und dem Anthology Film Archives statt.

Der MehrWERT-Filmpreis geht dieses Jahr ex aequo an:

(c) Viennale

SPACE DOGS, Elsa Kremser, Levin Peter, A/D 2019

und

(c) Viennale

L’AVENIR? DE F.V.G.?, Friedl vom Gröller, A/F 2018

Auszug aus den Jurybegründungen:

SPACE DOGS
SPACE DOGS ist ein origineller Hybrid, der dokumentarische, fiktive wie auch nicht-fiktive Elemente kombiniert. Die Geschichte von Laika, der Moskauer Straßenhündin, die als erstes Lebewesen von der Erde in den Weltraum geschickt wurde, gibt der Handlung einen märchenhaften Rahmen, - denn Laikas Geist sucht den Planeten bis heute heim.

SPACE DOGS wird damit auch zu einer Betrachtung über die historische Rolle, die Hunde und Affen bei der frühen Weltraumerforschung spielten. Eine zeitgenössische Studie - kombiniert mit außergewöhnlichem Archivmaterial - über die streunenden Hunde Moskaus, die Tag und Nacht in den Straßen unterwegs sind. Gefilmt wird aus Sicht der Tiere, nahe dem Boden, und damit werden die Zuseher philosophisch und real in die Perspektive der Hunde versetzt. Das Ergebnis ist eine Art Sinfonie der Stadt, in der diese durch die Augen ihrer tierischen Bewohner anders und fremd erscheint. SPACE DOGS ist ein tiefgreifender und unsentimentaler Film über Tiere, der sowohl Cinéma-vérité-Elemente als auch Science-Fiction-Fabulismus enthält. SPACE DOGS zeigt uns Bewohner einer Stadt, die übersehen, unterbewertet und ausgebeutet werden.

L’AVENIR? DE F.V.G.?
L’AVENIR? DE F.V.G.?,, einer der jüngsten Kurzfilme der produktiven Friedl vom Gröller, ist ein Werk, dessen Knappheit und Verspieltheit über den erstaunlichen Ideen- und Beziehungsreichtum und die formale Weite hinausreicht. Ein Porträt von zwei Personen – einer gehörlosen Frau und ihrer senegalesischen Freundin – und zwei Formen nicht gesprochener Sprache, die sich grundlegend voneinander unterscheiden und für die meisten Zuschauer vermutlich unverständlich sind: Gebärdensprache und das Wahrsagen mit Kaurimuscheln.

Unbekannte Bedeutungsformen und das Geheimnis der Magie der Wahrsagung bilden einen inspirierenden Kontrast zur alltäglichen Normalität des Sets: ein öffentlicher Waschsalon. Durch Struktur und Ausdruckskraft des Films erhalten die unterschiedlichen Sprachen der beiden Frauen eine filmische Entschlüsselung, die sie auch für die Unkundigen, verständlich macht.

 

V´19 RAHMENPROGRAMM

Viele Besucher*innen der Viennale 2019 fanden den Weg zu anspruchsvollen Gesprächen und Diskussionen in die Viennale Zentrale in der Kunsthalle Wien im Museumsquartier – wie dies beim Talk mit Bertrand Bonello (ZOMBI CHILD), der Diskussion zu drohenden Konflikten und nahenden Kriegen sowie dem Round Table zum Thema Filmkritik der Fall war.

Franciso Ferreira und Victor Güimares beim Filmkritik-Round-Table in der Viennale Zentrale | © Viennale/Roland Ferrigato

An den Turntables heizten Montoya, Oberst & Buchner, Andaka, Kompleks, Scientist, Kristian Davidek, DJ Moe, Vatileaks, Forever Traxx, Monsterheart DJ-Set, Hausgemacht-Kollektiv, DJ Hertzbube, J´aime Julien, Belly Dance Service, Alaska Al, DJ Nomad, Misonica, Therese Terror, Gassen aus Zucker und Journey to Tarab den tanzfreudigen Zentrale-Besucher*innen ordentlich ein. Auch die diversen Live-Konzerte wie des peruanischen Electro-Cumbia-Duos DENGUE DENGUE DENGUE oder der elektrisierende Auftritt von LULU SCHMIDT fanden Anklang. Weiters gab es vor allem bei dem Gespräch mit der Filmschaffenden Angela Schanelec einen großen Besucherzustrom.

Aperitivo in der Viennale Zentrale | © Viennale/Alexi Pelekanos

Abgerundet wurde das Programm durch die Viennale Afterparties: Erstmalig gab es ein feierndes Nachglühen in der Viennale Zentrale – u.a. mit dem Abschiedkonzert von Johann Sebastian Bass inklusive illustrer Special Guests.