HERR ZWILLING UND FRAU ZUCKERMANN

V'99

HERR ZWILLING UND FRAU ZUCKERMANN

Volker Koepp
D, 1998
Dokumentarfilme, 126min,

HERR ZWILLING UND FRAU ZUCKERMANN

Volker Koepp
D, 1998
Dokumentarfilme, 126min,

Drehbuch: 
Volker Koepp
Barbara Frankenstein
Ton: 
Uve Haußig
Kamera: 
Thomas Plenert
Schnitt: 
Angelika Arnold

Produktion: 
Vineta Film
Weltvertrieb: 
First Hand Films
Verleih in Österreich: 
Polyfilm Verleih
Format: 
35 mm
Farbe

Wo liegt Czernowitz? Mal in Österreich, mal in Rumänien, mal in Rußland oder jetzt in der Ukraine. Also nirgends wirklich. Paul Celan kam aus Czernowitz. Guter Ort für Dichter. Mag sein, daß Volker Koepp wegen Celan losgefahren ist, aber er wußte gleich, daß es kein Paul-Celan-Film werden sollte. Als er in Czernowitz ankam, kannte Koepp Herrn Zwilling und Frau Zuckermann noch nicht. Diese zwei von der Zeit Vergessenen. Erst wenn Herr Zwilling und Frau Zuckermann nicht mehr da sind, wird die k.u.k.-Monarchie endgültig vorbei sein. Jeden Abend zwischen sechs und zehn geht Herr Zwilling zu Frau Zuckermann. Und dann sprechen sie nur noch jenes k.u.k.-Czernowitz-Deutsch, das in jedem Wort schon wie hingehaltener Untergang ist, morbides Großbürgertum, kränkelnder Salon. Frau Zuckermann sagt, ihr Ritter bringe ihr seit vielen Jahren jeden Tag eine Hiobsbotschaft.
Frau Zuckermann ist Jüdin, neunzig und Optimistin. Herr Zwilling ist Jude, etwas jünger und von Geburt an Pessimist. Dazwischen Szenen eines zögernd wiedererwachenden jüdischen Lebens in Czernowitz. Kinder, die lernen, was ihre Eltern längst vergaßen: das Judentum. In einer Stadt, die noch immer dasteht wie ein östliches halbvergessenes Wien. Unbeschädigt, nur verwittert, alt geworden wie Herr Zwilling und Frau Zuckermann. "Es ist Zeit, daß sich der Stein zu blühen bequemt", schrieb Paul Celan. Frau Zuckermann hat viele Bücher von Celan. Aber ihr Herz gehört noch immer Rainer Maria Rilke. Rilke, sagt Frau Zuckermann, sei doch einfach viel schöner als Celan. Sagt diese Frau, die das schwerste aller möglichen Leben in der schlimmsten aller möglichen Städte hatte. Eben in Czernowitz. Nach dem Kaiser kamen die Deutschen, dann die Rumänen, die Russen. Und alle deportierten die Juden von Czernowitz. (Kerstin Decker)