Lecture

Seit mehr als zwanzig Jahren begleitet Massoumeh Lahidji als Dolmetscherin die Gespräche bedeutender Filmschaffender bei Festivals, Masterclasses, Interviews und Filmproduktionen. Unter all den Stimmen, die sie übersetzt hat, hat eine sie besonders geprägt: die von Abbas Kiarostami. 

Zehn Jahre nach dem Tod des iranischen Regisseurs, Dichters und Fotografen erinnert Lahidji an einen Künstler, dessen Werk und Denken sie bis heute begleiten. Aus persönlicher Nähe und langjähriger Zusammenarbeit entstanden Eindrücke, Beobachtungen und Erinnerungen, die weit über die übliche Würdigung eines Filmkünstlers hinausgehen. 

In Anlehnung an Georges Perec folgt die Veranstaltung keiner Chronologie, keinem Anspruch auf Vollständigkeit. Stattdessen entsteht aus Fragmenten, Anekdoten und Gedanken ein vielschichtiges Porträt Kiarostamis: seines Humors, seiner Weisheit und seines einzigartigen Blicks auf die Welt. Eine persönliche Einladung, einem der wichtigsten Filmemacher der Gegenwart auf neuen Wegen zu begegnen.

 

ABBAS KIAROSTAMI, I REMEMBER 

Englischer Originaltext von Massoumeh Lahidji 

Seit zwanzig Jahren bin ich als Dolmetscherin für unzählige Regisseur:innen bei unzähligen Veranstaltungen tätig: Festivals, Publikumsgesprächen nach Vorführungen, Masterclasses, Interviews, Dreharbeiten. Beim Dolmetschen mache ich mir niemals Notizen. Die Gedanken, Worte und Emotionen dieser Regisseur:innen richten sich nicht an mich und sollen auch nicht festgehalten werden; sie gehören einem Augenblick, der mir anvertraut wird, bevor ich ihn an das Publikum weitergebe. 

Und doch hat ein Künstler bei mir einen tiefen Eindruck hinterlassen. Es war Abbas Kiarostami, der mir diese Rolle in der Filmwelt überhaupt erst ermöglicht hat. Seine Art, die Welt zu betrachten, seine Weisheit und sein Witz, die Fragmente, aus denen sein Kino, seine Fotografie und seine Poesie bestehen, haben meinen Geist und meine Seele geprägt und begleiten mich bis heute. 

Zehn Jahre nach seinem Tod überkommt mich oft das Gefühl, einen Schatz in Händen zu halten, der nicht mir gehört. Die Welt sollte sich der Einzigartigkeit dieses Künstlers bewusst sein. 

Eine Sorge lässt mich nicht los: dass die Zuschauer:innen von heute, überflutet von Bildern und Klängen und vom Mainstreamkino, ihn vergessen könnten. Deshalb erlaube ich mir, mich zu erinnern. Und zu teilen. In der Tradition von Perec – ohne Hierarchie oder Kontext, ohne Anspruch auf Vollständigkeit und ohne belehren zu wollen – lade ich Sie einfach ein, mir in die Welt des außergewöhnlichsten Künstlers zu folgen, den ich jemals begleiten durfte.

 

Zusätzlich zeigt die Viennale folgendes Programm des Regisseurs Abbas Kiarostami:
KINDER UND KINO. FRÜHE KURZFILME VON ABBAS KIAROSTAMI

Sa. 31 Okt
16:30
Metro, Historischer Saal
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