Entdeckungen aus Zentral- und Osteuropa im URANIA CEENEMA!
Viennale und das URANIA CEENEMA präsentieren mit ‚Viennale Goes CEE‘ eine besondere Auswahl herausragender Filme aus Zentral- und Osteuropa – eine Art CEE-Best-Off des renommierten Wiener Filmfestivals. Die Reihe lädt dazu ein, die Vielfalt, Kreativität und gesellschaftliche Relevanz des zentral- und osteuropäischen Films neu zu entdecken.
Ob ein abgelegenes Dorf am Schwarzen Meer, die unberührten Landschaften Nordmazedoniens, die Straßen Bukarests, zerstörte Wohngegenden der Ukraine, ein anatolisches Bergdorf, estnische Saunatraditionen oder eine ungarische Schulklasse im Zentrum eines politischen Konflikts – die Filme dieser Reihe blicken genauer hin. Sie erzählen von Menschen, die mit Traditionen, sozialen Zwängen, politischen Spannungen und der Suche nach Freiheit konfrontiert sind.
WOMEN DO CRY
R: Mina Mileva/Vesela Kazakova
Bulgarien, Frankreich 2021, 107 Min, OmU
Sa, 12.9., 20 Uhr
Drei Schwestern. Die eine ist soeben Mutter geworden und muss sich nun zuhause um das Kind kümmern, weil ihr Mann das so will. Die andere hat gerade erfahren, dass sie von ihrem verheirateten Liebhaber mit HIV infiziert wurde und sieht ihr Leben ruiniert. Die dritte hat mit Männern ohnehin nichts am Hut, bekommt es dafür aber mit einer Staatsgewalt zu tun, die keine queeren Lebensweisen toleriert. Ruppig und voll zorniger Energie vermisst WOMEN DO CRY das emanzipatorische Konfliktfeld im heutigen Bulgarien, einem der ärmsten Länder der EU – und formuliert eine klare Kampfansage an ein Land, das sich weigert, die Istanbul-Konvention zu ratifizieren. (Alexandra Seitz)
Kuru otlar üstüne (About Dry Grasses)
R: Nuri Bilge Ceylan
Deutschland, Frankreich, Katar, Schweden, Türkei 2023, 197 Min
So, 13.9., 18 Uhr
Was Plot angeht, hat Ceylans neues Dreieinhalb-Stunden-Epos, wie man es gewohnt ist vom türkischen Regisseur, nur wenig zu bieten: Es geht um ein Trio von Lehrer:innen, die je unterschiedlich mit ihren staatlich verordneten Stellungen in der tiefen Provinz hadern, während sie in abwechselnden Konstellationen herumsitzen und reden. Aber das, was sich in den langen, mäandernden Dialogen ereignet, ist an Story- und Nuancenreichtum unerreicht. Die zwei Männer des Trios entlarven sich als nicht immer ganz sympathisch, während die Frau sich als die Kluge und Überlegene erweist – gespielt von Merve Dizdar, die in Cannes prompt als beste Darstellerin ausgezeichnet wurde. (Barbara Schweizerhof)
WET SAND
R: Elene Naveriani
Schweiz, Georgien 2021, 115 Min, OmU
Fr, 18.9., 20 Uhr
Der bittertraurig schöne Film nimmt uns mit in die karge Landschaft Georgiens. In einem Dorf am Schwarzen Meer spielen sich Dramen ab, innere wie äußere; streng kadrierte Bilder übersetzen uns die Gefühlslage der Dorfbewohner*innen. Eliko, „der Fremde“, hat sich erhängt. Seine Sexualität zwang ihn zu einem Leben im Verborgenen, die Intoleranz im Dorf führte zu einem komplizierten Netz aus Lügen und Verrat. Elikos Enkelin Moe und Fleshka – auch sie „Fremde“ – trotzen den Diskriminierungen der Männerwelt. Ein Film wie ein kathartischer Schrei, der den Ausgestoßenen eines ländlichen Patriarchats Stimme verleiht. (Maria Marchetta)
Magyarázat mindenre (Explanation For Everything)
R: Gábor Reisz
Ungarn, Slovakei 2023, 152 Min
So, 20.9., 19.45 Uhr
Eine nicht bestandene Geschichtsprüfung zum Abitur wächst sich im Budapest von heute zu einer veritablen Gesellschaftskrise aus, weil ein vermeintlich „linker“ Lehrer in Verdacht gerät, einen „patriotisch“ gesinnten Abiturienten diskriminiert zu haben. Stilistisch betont unaufgeregt beobachtet und erzählt Reisz von allen Seiten, der rechten wie der linken, von Schüler:innen, Lehrer:innen, Eltern und Medien. Er zeigt die verschiedenen Dynamiken und Motivationen, ohne Bösewichte zu bestimmen oder auf Schuldige zu zeigen. Ein herausragendes Porträt der falschen Wahrnehmungen und übertriebenen Empfindlichkeiten in der Mitte Europas. (Barbara Schweizerhof)
BITTE WARTEN
R: Pavel Cuzuioc
Österreich 2020, 86 Min
Mi, 23.9., 19.45 Uhr
BITTE WARTEN begleitet Telekommunikationstechniker in Moldavien, Rumänien, Bulgarien und der Ukraine beim Außendienst. Es werden TV-Geräte, Modems, Telefon- und Internetkabel repariert, entwirrt und angeschlossen. Doch eigentlich geht es um das menschliche Streben nach Verbindung und sein Scheitern, um das Dasein in der Warteschleife – oft der einzige Moment für existenzielle Fragen. Jeder Kunde in seinem Wohnzimmer entpuppt sich als sein eigener Planet, und wenn der Techniker auf Kriegsveteranen, Philosophen und alte Frauen trifft, zeigt sich: die Technologie hat die Kommunikation beschleunigt, das Leben ist dasselbe geblieben. (Maria Marchetta)
EO
R: Jerzy Skolimowski
Italien, Polen 2022, 88 Min
Sa, 26.9., 18 Uhr
EO hat nicht nur einen Hauptdarsteller, sondern gleich sechs. – Sechs Esel, die auf der Leinwand einen verkörpern: den Esel Eo, dessen Odyssee der polnische Regisseur in seinem so eigenwilligen wie visuell kraftvollen – da aus der Perspektive des Tieres gefilmten – Spätwerk nachzeichnet. Inspiriert von Robert Bressons AU HASARD BALTHAZAR (1966) zeigt Skolimowski eine Abfolge von Leidensbegegnungen, Glücksmomenten und surrealen Situationen zwischen Zirkus und Schlachthof; immer aus der Sicht des Tieres, der nicht selten eine gewisse Melancholie zu eigen ist. Bonusfeature: Cameo-Auftritt von Isabelle Huppert. (Sascha Rettig)
Medena zemja (HONEYLAND)
R: Tamara Kotevska/Ljubomir Stefanov
Nordmazedonien 2019, 86 Min
So, 27.9., 18 Uhr
Ein Baum sei sie nun geworden, sagt die blinde Mutter zur Tochter in der kargen Hütte ohne Wasser und Strom, wo die Filmcrew während drei Jahren das einsame Leben der Wildbienenimkerin Hatidse begleitet hat, ohne ein einziges Wort des türkischen Bergdialektes zu verstehen. Die nomadisierenden, weltmeisterlich fluchenden Nachbarn, anfangs noch freundlich empfangen, ignorieren Hatidses wesentliche Erfahrung – die Hälfte des Honigs muss bei den Bienen verbleiben – und zerstören dadurch die fragile Balance von Geben und Nehmen. Betörendes, bildmächtiges Beobachtungskino und zu Recht mit Preisen überhäufte Ökostudie aus Mazedonien. (Stephan Settele)
DEAR BEAUTIFUL BELOVED
R: Juri Rechinsky
Österreich 2024, 93 Min
Mo, 12.10., 20 Uhr
Ohne ein einziges Bild einer Kriegshandlung führt der Film in die Hölle des Krieges, in der Sicherheit und Gewissheit als Erste verlorengehen. Der ukrainische Regisseur zeigt uns, wie gefallene Soldaten geborgen und betagte, gebrechliche Menschen aus den Kriegszonen evakuiert werden. Diese Übersiedlungen repräsentieren den totalen Kontrollverlust, die kranken Alten wissen nicht, wo es für sie hingeht. Wir hören die Traumatisierung, sehen die Sprach-losigkeit, spüren, was Leben im Krieg bedeutet. Wir sind bei ihnen in den dunkelsten Stunden, und nur die anrührenden kleinen Gesten der Zuneigung und Fürsorge sind es, die uns im Glauben an die Menschheit erhalten. (Maria Marchetta)
Nu astepta prea mult de la sfârșitul lumii (Do Not Expect Too Much from the End of the World)
R: Radu Jude
Frankreich, Kroatien, Luxemburg, Rumänien 2023, 164 min
Di, 13.10., 19.45 Uhr
Angela arbeitet als Produktionsassistentin für ein österreichisches Medienunternehmen in Bukarest. Sie hat dauernd Stress, zwischendurch lässt sie Druck ab, indem sie auf Instagram mit einem Filter, der sie als Mann zeigt, obszöne Videos aufnimmt. Ihr Job ist es, Menschen zu finden, die von Arbeitsunfällen versehrt wurden. Dafür ist sie natürlich immerzu mit dem Auto unterwegs – wie die gleichnamige Taxifahrerin in ANGELA MERGE MAI DEPARTE (Lucian Bratu, 1981), mit dem Jude sich hier „ins Gespräch“ begibt. Und einmal mehr zeigt er sich mit dieser Farce über ein komplett kolonisiertes und ausgebeutetes Rumänien als Meister der experimentellen Form. (Bert Rebhandl)
Savvusanna sõsarad (Smoke Sauna Sisterhood)
R: Anna Hints
Estland, Frankreich, Island 2023, 89 Min
Sa, 17.10., 20.30 Uhr
Durch die Jahreszeiten, vom eisigen Blauschimmer bis zum intensivsten Grün, beobachtet der Film Frauen in der traditionellen estnischen Rauchsauna – und hört ihnen zu. Im sepiafarbenen Halbdunkel verrichten sie die Saunapraktiken und erzählen offen von prägenden, oft gewaltvollen Erfahrungen. Die Erlebnisse der Frauen treffen ins Mark, sind sie doch nicht „besonders“, sondern seit alters bis heute essenzieller Bestandteil weiblicher Biografie. In der Rauchsauna laden sich archaisch-mystische Reinigungsrituale auf mit solidarischer feministischer Energie, die sich am Ende Bahn bricht mit dem buchstäblichen Heraus-Schreien des Schmerzes und der Angst. (Barbara Kronsfoth)
Viennale Goes CEE steht für Kino, das Grenzen überschreitet: poetisch und politisch, persönlich und universell. Filme, die neue Perspektiven eröffnen, vergessene Geschichten sichtbar machen und den Dialog zwischen Wien und Zentral- und Osteuropa lebendig halten.