12 Okt 2026

Eine Vorschau auf die Viennale 2026 von Eva Sangiorgi

Festival Director Eva Sangiorgi at the main press conference

Ich möchte zunächst eine etwas spielerische Übung wagen, um das Programm dieser 64. Ausgabe der Viennale darzulegen, ja, zu entfalten. Einerseits werde ich es gewissermaßen in seine Einzelteile zerlegen: Ich werde die Elemente und Partikel zählen und aufzählen, aus denen sich das Festivalerlebnis zusammensetzt. Andererseits möchte ich die Strukturen beschreiben, die es tragen und ordnen. Es ist ein experimenteller Ansatz, der zum Teil eine Antwort auf jene Frage sucht, die wir uns immer wieder stellen und die uns auch immer öfter gestellt wird: Welche Funktion hat ein Festival? Ich beginne also mit dem Beschreiben und Berechnen, bevor ich mich dem Inhalt und seiner Bedeutung zuwende. Aber dazu kommen wir auch noch.

Beginnen wir: 13 Festivaltage, plus vier Tage mit Veranstaltungen, die dem eigentlichen Programm vorausgehen respektive es verlängern; die Retrospektive läuft zudem noch bis zum 30. November. 13 Tage voller Filmvorführungen und Begegnungen rund um das zeitgenössische wie das historische Kino. Unsere Hauptspielstätten sind fünf Kinos mit sechs Sälen, die – je unterschiedlich – Film in den Formaten digital (DCP), Super8, 16mm, 35-mm und 70-mm projizieren können, in 5.1-, 7.1- und Dolby-Atmos-Ton. Dazu kommen noch drei Vorführungen in 3D.

Der volle Saal des Gartenbaukinos während eines Screenings. Über den Köpfen des Publikums strahlt der Projektor in Richtung Leinwand.

Das Gartenbaukino mit seinen 740 Plätzen zeigt die mit besonderer Spannung erwarteten, „großen“ Filme und eine Auswahl des herausragenden Autor:innenkinos. Das Stadtkino mit 283 Plätzen ist, gemeinsam mit dem Gartenbaukino, ein wichtiger Ort für die Premieren österreichischer Filme und bietet darüber hinaus eine sorgsam zusammengestellte Spätschiene für nachtaktive Cinephile. Die Urania mit 270 Plätzen eröffnet den täglichen Spielbetrieb mit der 11-Uhr-Schiene. Auch im Filmmuseum mit seinen 165 Plätzen ist das Festival zu Gast: zunächst ist es der traditionelle Schauplatz der gemeinsamen Retrospektive; aber auch mit ihrem Hauptprogramm ist die Viennale dort vertreten, insbesondere mit der jeweils ersten Vorführung der aktuellen Kurzfilmprogramme. Das Metro Kinokulturhaus verfügt über zwei Säle – den Historischen Saal mit 155 Plätzen und den Kinosalon mit 88 Plätzen –, in denen wir auf abwechslungsreiche Weise historische Programme mit zeitgenössischem Kino verbinden. Hier ist insbesondere das vom Filmarchiv Austria kuratierte Programm zu sehen, ebenso wie zahlreiche Restaurierungen. Es ist außerdem der ideale Ort für unsere längsten Filme.

Einige Säle bieten regelmäßig vier, andere fünf Vorstellungen pro Tag. Ausnahmen bilden besonders lange Filme und Sondervorführungen, die aus dem Raster herausfallen. Sie finden im Gartenbaukino statt: die beiden Frühstücksfilme um 6.30 Uhr morgens, das Young Audience Screening für ein Publikum ab acht Jahren, die Erste Bank Matinée, die uns unser Hauptsponsor ermöglicht, sowie eine weitere Matinée am Samstag, 31. Oktober. Hinzu kommen drei – nicht öffentliche – Vorführungen für Oberstufen-Schüler:innen aus Wien und Umgebung.

Insgesamt sind es 330 öffentlich zugängliche Kinovorstellungen. Sie setzen sich zusammen aus 260 im Programm angekündigten Filmen plus einem Überraschungsfilm – ergibt 261. Der kürzeste ist drei Minuten lang, der längste sieben Stunden und zehn Minuten. Hintereinander abgespielt ergäben diese 261 Filme 13 Tage und acht Stunden Laufzeit: Wer sie alle sehen wollte, bräuchte also länger als das Festival selbst dauert. Und zählt man sämtliche Vorführungen einschließlich aller Wiederholungen zusammen, kommen wir auf mehr als 581 Stunden Kino auf der Leinwand.

Hinzu kommen die Veranstaltungen in unserer Viennale Zentrale, die in diesem Jahr im wunderschönen Funkhaus beheimatet ist: Zwei Gespräche mit Filmemacher:innen und zwei Roundtables, die sich an Fachpublikum wie Filminteressierte gleichermaßen richten. Dazu natürlich Musik: fünf Abende und ein Early Dance Floor am Sonntagnachmittag. 15 Namen im Line-up – DJs, Live-Acts und Kollektive –, ein Open Jam und ein Rap-Cypher decken rund zwanzig unterschiedliche Genres ab, von Jazz über Dub, Amapiano und Northern Soul bis zu Disco. Auch unser langjähriger Freund Lars Eidinger wird wieder am DJ-Pult stehen. Während des Festivals werden außerdem zwei neue Bücher präsentiert, und im Metro Kinokulturhaus wird eine Lecture zum Gedenken an Abbas Kiarostami stattfinden. In den Kinosälen wird es unzählige Einführungen und Q&As mit den 139 Gästen der diesjährigen Viennale geben.

Der Großteil unseres Programms ist dem Gegenwartskino gewidmet – das in beträchtlicher geografischer Vielfalt mit unterschiedlich großen und unter unterschiedlichsten Bedingungen entstandenen Produktionen aus insgesamt 71 Ländern vertreten ist. Das ist gewissermaßen seit jeher das Rezept der Viennale: eine mit größter Sorgfalt getroffene Auswahl dessen zu zeigen, was sich derzeit im Autor:innenkino tut. Dazu gehören schon immer auch die Kurzfilme: in diesem Jahr sind es 40, von denen 38 auf zehn Programme verteilt sind, einer begleitet einen Langfilm, ein weiterer eröffnet das Festival. Die Aufmerksamkeit, die wir diesem Format widmen, unterstreicht die Bedeutung, die wir ihm zumessen – im zeitgenössischen Programm ebenso wie in den historischen Programmen. Dort beispielsweise in den Phil Solomon und Vasko Pregelj gewidmeten Monografien.

Der weitere Aufbau des Programms setzt sich zusammen aus den Kinematografien, die eine Epoche, einen Diskurs, eine Szene oder das Werk einer Persönlichkeit zu einem bestimmten Zeitpunkt erkunden – diesmal mit der Reihe „Alles bunt und wunderbar?“, dokumentarischen Filmen von Jocelyne Saab sowie den frühen Kurzfilmen von Abbas Kiarostami. Und der Historiografie, die eine Auswahl außergewöhnlicher, in diesem Jahr restaurierter Filme präsentiert; neuerlich sind hier mit den beiden großartigen Programmen des Pelechian Project Kurzfilme vertreten.

Nur 33 Prozent der Filme dieses Jahrgangs stammen von Regisseurinnen – ein nach wie vor unzureichender Wert; auch wenn das Verhältnis ausgewogener ist als bei jenen internationalen Festivals, auf denen diese Filme ihre Premieren feiern.

Filmstill of Viennale-Trailer 2026: Rain Set Action

Und noch etwas: Der Trailer, wie es Tradition ist; in diesem Jahr gestaltet von der US-amerikanischen Filmemacherin Kelly Reichardt, der es in kaum 120 Sekunden gelingt, all jene Gewerke zu würdigen, die am magischen Prozess des Filmemachens beteiligt sind.

In diesem Jahr haben wir mehrere Initiativen gestartet, aus denen ich jene Projekte hervorheben möchte, die sich an ein junges Publikum wenden: Zum einen das Ferien-Abo, das wir schon im Sommer vorgestellt haben, und zum anderen die Viennale Debut Card. Letztere richtet sich an Jugendliche zwischen 14 und 19 Jahren; sie ermöglicht den Besuch von 19 Filmen zu einem Sonderpreis. Die Auswahl haben wir gemeinsam mit der Bildungsdirektion Wien getroffen, das Projekt wird von der Erste Bank unterstützt.

Und um mit den Zahlen fortzufahren: Wir präsentieren den neunten Band von Textur, der Schriftenreihe der Viennale – die seit gleichfalls neun Jahren unter der Leitung ihrer jetzigen künstlerischen Direktorin steht. Gewidmet ist der Band Tizza Covi und Rainer Frimmel, dem Regisseurs-Duo unseres Abschlussfilms. Auf diese Weise feiern wir auch ein großes Jahr des österreichischen Kinos – mit zwei international hoch angesehenen Filmemacher:innen, ihren neun Filmen und dreißig Jahren gemeinsamer Arbeit.

Eva Sangiorgi