A Film by Radu Jude (Rumänien/Österreich 2024, 2 min)
Eine Frau in Tracht beginnt in einem kleinen Veranstaltungsraum eine Melodie auf einem Tambal (Hackbrett) zu spielen. Bald versteht man den so eigenwillig wie cleveren und gewitzten Gruß, den uns Radu Jude aus seiner Heimat nach Wien schickt: es ist die Tritsch-Tratsch-Polka von Johann Strauss, die die in Rumänien bekannte Folk-Musikerin Nicoleta Tudorache mit Verve zum Besten gibt - und die man so sicher noch nie gehört hat. Aber was führt der intellektuelle Spaßvogel Radu Jude, nie um einen satirischen Seitenhieb verlegen, im Schilde? Ist es Wertschätzung? Ein Scherz? Eine Anspielung auf die Debatten zu kultureller Aneignung?
"Dieses Instrument wird normalerweise mit der Roma-Minderheit in Verbindung gebracht", erläutert der Filmemacher, "und ich freue mich sehr zu zeigen, wie Johann Strauss darauf klingt. Ich habe gesehen, wie ein steifes, perfekt gekleidetes Publikum in einem Wiener Konzertsaal die klassische Orchesterversion des Stückes aufgenommen hat, und da Kino immer noch eine populäre Kunst ist, ziehe ich es vor, es von Frau Tudorache auf einem țambal spielen zu lassen. Das ist sicherlich lebendiger und lustiger."
"Radu Jude ist einer der überraschendsten Gegenwartsregisseure Europas", so Viennale Direktorin Eva Sangiorgi. "Es bedeutet mir sehr viel, dass er unsere Einladung angenommen hat, den Trailer für die 62. Viennale zu schaffen. In diesem Wahljahr ist es sinnträchtig, sich mit den Konzepten von Nationalität und kulturellem Eigentum zu beschäftigen. Und so lädt denn auch dieser verspielte, dabei doch blitzgescheite kurze Film zu politischer Reflexion ein, während er zugleich jegliche intellektuelle Aufgeblasenheit herausfordert. Am Vorabend des Strauss-Jahres 2025, in dem der 200. Jahrestag der Geburt des ikonischen österreichischen Komponisten extensiv gefeiert werden wird, feiere ich diese ent-heiligende Einladung zur kulturellen Aneignung, diesmal – in einer umgekehrten Plünder-Bewegung – eines Symbols der westlichen Musikkultur."