SANS TOIT NI LOIT

V'06

SANS TOIT NI LOIT

Agnès Varda
F, 1985
102min, OmeU

SANS TOIT NI LOIT

Agnès Varda
F, 1985
, 102min, OmeU

Mit: 
Sandrine Bonnaire
Macha Méril
Stéphane Freiss
Yolande Moreau
Patrick Lepczynski
Yahiaoui Assouna
Joël Fosse
Marthe Jarnias
Laurence Cortadellas

Produktion: 
Ciné-Tamaris
Weltvertrieb: 
Verleih in Österreich: 
35 mm/Farbe

Die Zeit vergeht, das «Zwischenmenschliche» stirbt aus, die Platanen sind krank und die Revolte trägt ein anderes Gesicht. Mit der Schaffung der Figur der Mona findet Agnès Varda neue Formulierungen für alte Fragen. Im Herbst wurde er mit einem Goldenen Löwen ausgezeichnet, im Winter auf den Kinoplakaten angekündigt: Agnès Vardas neuester Film (und der erste, den sie «cinécrit», filmisch geschrieben, hatte), beginnt mit einem Wortspiel. Kurzerhand ersetzt Agnès Varda in ihrem Filmtitel den sprichwörtlichen «fehlenden Glauben» (ni foi ni loi) durch ein «fehlendes Dach» (ni toit ni loi), das weder vor Kälte schützt noch vor der Gesetzmäßigkeit, dass Kälte auf Dauer tötet. Und weil die Kälte getötet hat, wird in einem Graben die erfrorene Leiche einer jungen Vagabundin gefunden, die als Simone Bergeron geboren wurde und unter dem Namen Mona durch den Film gehen wird. Wer war Mona? Ein Puzzle aus Rekonstruktionen, Zeugenaussagen, Anhaltspunkten, kurzen Szenen und Gesprächsfetzen ergibt nicht viel. Wer «den Fall Mona» untersuchen möchte, wird daraus nicht schlau werden. Es gibt weder ein Verbrechen noch einen Schuldigen. Nichts außer einer rasch abgelegten Lokalnachricht. Vor Kälte sterben ist - im Kino wenigstens - keine banale Sache. Weil die Kälte kein banales Thema ist. Vor allem, wenn man sie geduldig erträgt wie eine unausweichliche Kälte «in einem selbst». Die Kälte ist ein gutes Thema, weil sie alles unmerklich modifiziert: das «weiße» Spiel durchgefrorener Darsteller, den kargen Fluss der Worte, die erstarrten Körper und die nutzlosen Gespräche. Und Vardas Kälte ist umso beißender, als sie nicht im hohen Norden herrscht, sondern im Süden Frankreichs, mit Tieren im Winterschlaf, verkümmerter Vegetation, beschlagenen Gewächshäusern und ausgestorbenen Dörfern. In der Kälte muss alles neu erfunden werden, auch das Kino. Dank der Kälte hat Agnès Varda Sandrine Bonnaire neu erfunden. Serge Daney «Cinéjournal» Band 2/1983-1986 (Übersetzung von Petra Metelko)