CHAMBRE EN VILLE

V'06

Une CHAMBRE EN VILLE

Jacques Demy
F, 1982
95min, OmdU

Une CHAMBRE EN VILLE

Jacques Demy
F, 1982
, 95min, OmdU

Mit: 
Dominique Sanda
Richard Berry
Danielle Darrieux
Michel Piccoli
Fabienne Guyon
Anna Gaylor
Jean-François Stévenin
Nicolas Hossein
Yann Dedet
Antoine Mikola
Patrick Joly
Denis Epstein
Jean Porcher

Produktion: 
Philippe Verro, Christine Gouze-Renal
Weltvertrieb: 
Verleih in Österreich: 
35 mm/Farbe

Une chambre en ville knüpft an Jacques Demys Technik des «film en chanté», des gesungenen Films, an. Doch er ist in jeder Hinsicht ein weitaus gewalttätigeres, weitaus härteres Werk als Les Parapluies de Cherbourg, mit dem er wohl zwangsläufig verglichen wird. Der Film beginnt (und endet) mit einem Zusammenstoß zwischen Streikenden und Polizisten - Nantes 1955 -, einem gesungenen Zusammenstoß, der das formale Prinzip des Films mit extremer Brutalität vorgibt: Man fühlt sich buchstäblich vergewaltigt, und diese Vergewaltigung ist der Preis, den man zahlen muss, um auf die andere Seite des Spiegels zu gelangen, in die gesungene («en chanté»), wenn hier auch nicht verzauberte («enchanté») Welt des Films. In Une chambre en ville gibt es keine Sanftheit. Keine Spur mehr von den Pastellfarben, den Halbtönen, der schmerzlichen Zärtlichkeit, die Demy für gewöhnlich zugeschrieben werden. Mit wenigen Ausnahmen (dem von Jean-François Stévenin verkörperten Dambiel) sind die Beziehungen zwischen den Protagonisten barsch, aggressiv, brutal, schmutzig und sogar blutig. Die Figur der Edith lässt die (zur Zeit, in der das Drama spielt, noch lebendigen) Mythen der Femme fatale und der leidenschaftlichen Liebe mit ihrer ganzen Gefolgschaft aus Blut, Erotik und Tod wieder aufleben. Auf verblüffende Art dominiert in dieser Liebesgeschichte, diesem flammenden Melodram, die Bosheit, oder vielmehr die Grausamkeit. Und die Grausamkeit ist natürlich eine wesentliche Dimension des Melodrams - das wahre «Kino der Grausamkeit» (um den Titel aufzugreifen, den Truffaut einer Artikelsammlung Bazins gab) ist das Melodram: Griffith, Sirk, Mizoguchi, zerstörte Körper und Seelen, Kreuzigungen, Qualen und Tode in allen Spielarten. Demy knüpft - und das verlangt einigen Wagemut - an diese große Tradition an, und zwar nicht wie jüngste und ziemlich verunglückte amerikanische Versuche, weil «sie gerade in der Luft liegt», sondern weil er sie in sich trägt.2 Es gibt echte Tragik in Une chambre en ville, die von der burlesk skandierten Handlung (das Geklingel und die zugeworfenen Türen im Apartment der Madame Langlois) und dem humorvollen «Text» kaum gebannt wird. Pascal Bonitzer «Singen und Tanzen im Film», Hrsg. von Andrea Pollach, Isabella Reicher, Tanja Widmann, Wien 2003. (Übersetzung von Petra Metelko)