PROLETARISCHES KINO: PROGRAMM 13 - FRITZ ROSENFELD 2

V'07

PROLETARISCHES KINO: PROGRAMM 13 - FRITZ ROSENFELD 2

Rene Clair
113min,

PROLETARISCHES KINO: PROGRAMM 13 - FRITZ ROSENFELD 2

Rene Clair
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Eugène Deslaw zählte, wie Germaine Dulac, Jean Epstein oder eben René Clair, zur Avantgarde, deren erste Kapitale zweifellos Paris war. Montparnasse , seine Bilddichtung von 1930, ist ein Werk des visuellen Somnambulismus: reportageartiges, «rhythmisch geformtes Abbild des sichtbaren bewegten Seins». (Fritz Rosenfeld) Sous les toits de Paris nimmt, wie René Clair selbst, eine zentrale Stelle in Rosenfelds kritischen Einlassungen zum «Umsturz der Filmkunst» durch den Ton ein. Zunächst sieht der Kritiker alle Hoffnung enttäuscht: Statt den Tonfilm als Chance zur grundlegenden Erneuerung des Kinos zu nutzen, begreift die Filmindustrie ihn nur als neue Geschäftsoption und setzt, stärker denn je, auf die Unterhaltungsstoffe von vorgestern; auch für die Avantgarde bleibt die Verteuerung der Filmproduktion nicht ohne Folgen. Clairs Volksfilm ist für Fritz Rosenfeld der erste, der die Tonfilmprobleme meistert, in dem nur gesprochen wird, «wenn die visuelle Gestaltung eines Vorganges nicht deutlich genug wäre. Das Wort beherrscht den Film nicht, es ist nur ein Mittel unter andern, es wird mit der größten Sparsamkeit angewendet - und eben dadurch zur größten Wirkung gebracht. Große Teile des Films sind stumm, das heißt dialoglos und nur mit Musik synchronisiert. Da findet in früher Morgenstunde auf der Straße eine kleine Messerstecherei statt. Das Bild zeigt nur einen kleinen Straßenausschnitt. Aber ein unsichtbarer Eisenbahnzug poltert vorüber, ein Hund bellt, Polizisten pfeifen in der Ferne; der enge Schauplatz wird akustisch ausgeweitet , die ganze Umgebung durch das Geräusch in die Handlung einbezogen. Oder die zauberhafteste Szene des Films: Der Blick geht über die Dächer von Paris, ganz leise klingt Gesang auf, irgendwo; die Kamera schwenkt langsam über das Giebelmeer, senkt sich dann, der Gesang wird lauter, der Apparat fährt in einen Häuserschacht, Menschen werden sichtbar, immer lauter wird der Gesang - die Kamera fährt auf eine Gruppe zu, die sich um einen Straßensänger schart und mit ihm ein Lied einstudiert. Das ist Tonfilm. Die Handlung des Films? Man kann sie nicht nacherzählen. Sie ist ein hauchdünnes Gewebe winziger Szenen aus dem Alltag.»

Montparnasse (Ou le poème du café crème) Frankreich 1929, Realisation: Eugène Deslaw, Produktion: Pierre Braunberger, 35mm/Ton/Schwarzweiß, 16 Minuten

Sous les toits de Paris Frankreich 1930, Regie: René Clair, Drehbuch: René Clair, Kamera: Georges Périnal, Schnitt: René Le Hénaff, Musik: Armand Bernard, Raoul Moretti, Ausstattung: Lazare Meerson, Kostüm: Ali Hubert, Regieassistenz: Marcel Carné, Darsteller: Albert Préjean (Albert), Pola Illéry (Pola), Gaston Modot (Fred), Edmond T. Gréville (Louis), Raimond Aimos (Dieb), Produktion: Films Sonores Tobis, Paris 35mm/Ton/Schwarzweiß, 97 Minuten