NEWS FROM HOME

V'11

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Chantal Akerman
F/BRD, 1976
88min, eOF

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Chantal Akerman
F/BRD, 1976
, 88min, eOF

Produktion: 
Paradise Films [b]Co-Produktion[b] Unité Trois Paris, Institut National de l’Audiovisuel Paris, ZDF
Weltvertrieb: 
Verleih in Österreich: 
16 mm/Farbe

Auch wenn niemand News from Home als Dokumentarfilm bezeichnen würde, so zeigt uns Akerman – lässt man den Ton außer Acht – eine Reihe von «Ansichten», die an die seltsam faktische Seite des alltäglichen Lebens erinnern, die man ganz zu Beginn des Kinos sah. Man hört die nahen oder fernen Geräusche der Autos auf den Straßen der Stadt, wenn sie herankommen oder sich entfernen, das metallische Dröhnen der Metro, man sieht Menschen aus Versehen auftauchen, aus denen niemals Filmfiguren werden. Und immer hört man die klangvolle Stimme einer jungen Frau, die jene Briefe liest, welche eine Mutter in Brüssel an ihre Tochter schreibt – eine Tochter, die weit weg nach New York gegangen ist und Filmemacherin werden will. Manchmal übertönt der Lärm der Stadt einige Worte, aber das ist nicht so wichtig. Die Kraft dieser Liebesbriefe rührt von der Wiederholung dieser einfachen Bedürfnissen her: Ich liebe dich; du fehlst mir; ich bitte dich, antworte mir. Die Mutter berichtet der Tochter von den Neuigkeiten aus der Familie und versucht so, die Verbindung zu halten. Und nachdem viel Zeit vergangen ist: «Ich lebe nach dem Rhythmus deiner Briefe.» Zu sehen ist die Mutter nie, von der die junge Stimme ein so bewegendes, von jeglicher Rührseligkeit freies Porträt zeichnet. Eine noch markantere Geste ist es, wenn Chantal Akerman auch die Tochter nie in Erscheinung treten lässt. Obwohl die Stimme nie Gestalt annimmt, kommt man nicht umhin, zu empfinden, was man mit ihren Augen sieht. So wird die Frau, obwohl sie nie zu sehen ist, zu einem Wesen aus Fleisch und Blut – durch ihre Stimme, ihren Rhythmus, ihre Aufmerksamkeit. Sie haucht den Worten einer anderen Generation Leben ein. Die Briefe werden an Orten gelesen, die die Mutter nicht sehen kann, die sie sich vorzustellen versucht, auch wenn sie nicht möchte, dass die Tochter jene Vorstellungswelt vergisst, die sie in Europa zurückgelassen hat. Das Werk von Chantal Akerman weist immer auch autobiografische Züge auf. In eben diesem Fall liegen sie besonders nahe, denn wir hören – obwohl der Film es nie ausformuliert – Akermans eigene Stimme, die jene Briefe ihrer Mutter liest, die diese ihr während des ersten Aufenthalts in New York geschrieben hat, als sie 20 Jahre alt war. Trotzdem verwendet Akerman in diesem wie auch in allen anderen Filmen nur sorgfältig ausgesuchte autobiografische Elemente. Ihr Leben ist kein offenes Buch und wir sind weit entfernt vom Cinéma verité Janet Bergstrom «Chantal Akerman: Autoportrait en cinéaste», Cahiers du cinéma, Paris 2004