JACQUOT DE NANTES

V'06

JACQUOT DE NANTES

Agnès Varda
F, 1990
118min, OmdU

JACQUOT DE NANTES

Agnès Varda
F, 1990
, 118min, OmdU

Mit: 
Philippe Maron
Edouard Joubeaud
Laurent Monnier
Brigitte de Villepoix
Daniel Dublet
Clément Delaroche
Rody Averty
Hélène Pors
Marie-Sidonie Benoist
Jérémie Bernard
Cédric Michaux
Julien Mitard
Jérémie Bader
Guillaume Navaud
Fanny Lebreton

Produktion: 
Ciné-Tamaris
Weltvertrieb: 
Verleih in Österreich: 
35 mm/Farbe/SW

Ein grauhaariger Mann in einem Jeansanzug liegt am Strand, in seinem Blick eine anrührende Mischung aus Melancholie und Sanftheit. Versonnen, ohne Pathos lässt er den Sand durch die Finger rinnen: eine Geste nur, beiläufig und ruhig, nicht mehr als eine vorsichtige Anspielung auf dieses Zeichen der Vergänglichkeit. Drei Monate später, im Oktober 1990, ist er tot: Jacques Demy starb 59-jährig an den Folgen einer Gehirnblutung. Hierzulande ist er so gut wie unbekannt geblieben. Seine Filme passten in kein gängiges Schema, die Verleiher hatten Angst vor dem finanziellen Desaster; und wenn man miterlebte, wie hiesige Festivalgäste einen Film wie Demys Une chambre en ville auslachten, dann versteht man zwar die Angst der Verleiher, ist aber bestürzt über die Ignoranz vieler vorgeblicher Cineasten gegenüber einem Filmemacher, dessen filmisches Erzählen von unvergleichlicher Reinheit, Aufrichtigkeit und Leidenschaft geprägt war. Demy hatte angefangen, sein Leben niederzuschreiben. Er schrieb vor allem über seine «glückliche Kindheit», die, so Agnès Varda - Demys Frau -, sein Schatz war, die Quelle seiner Inspiration. Jacques Demys und Agnès Varda dachten sich in diese Kindheit zurück: Er erinnerte sich, sie inszenierte seine Erinnerungen - mit Zuneigung und Verständnis, getragen von ihrer großen Liebe, geprägt von leiser Trauer und der Angst vor dem drohenden Verlust. Einerseits ist Agnès Varda für diesen Film ganz hinter ihren Mann zurückgetreten: Empfindsam und zärtlich blättert sie Stationen aus den Jahren 1939 bis 1949 auf und beschreibt, wie eng Demys Kindheitseindrücke mit den Filmen verbunden sind, die er als Erwachsener inszeniert. Andererseits läßt sie nie den «Ruch» einer bloßen (auto-)biografischen Dokumentation aufkommen. Wie in ihrem Diptychon über die Schauspielerin Jane Birkin (Jane B. par Agnès V. und Die Zeit mit Julien, konstruiert sie konsequent ein Wechselspiel aus Realität und Fantasie, das die Grenzen zwischen Kino und Leben aufzeigt und zugleich aufhebt: Fantasie und Wirklichkeit sind gleichberechtigte Bereiche, die Kraft der Imagination ist eine (Lebens-)Kunst, die es nicht nötig hat, sich permanent zu behaupten, vielmehr ihre Existenz als selbstverständlich voraussetzt. Horst Peter Koll «Filmdienst» Nr. 9/1992