V'19 PROGRAMM UND AUFBAU

Die diesjährige Filmauswahl führt die langjährige Tradition des Festivals fort und vereint große Namen mit Neuentdeckungen. Der Aufbau bleibt dem bewährten Viennale-Konzept treu, mit der Absicht, das Programm so zu präsentieren, wie es in seiner Ganzheit entworfen wurde: als ein Organismus, in dem ein jedes Element im Dialog mit den anderen steht und dessen Bedeutung immer auch im Detail und in den Einzelteilen steckt. Zu diesem Zweck haben wir über die Sektionen reflektiert und versucht, deren Terminologie wesentlicher zu gestalten.
Im HAUPTPROGRAMM koexistieren verschiedene Stimmen des zeitgenössischen Kinos mit seinen verschiedenen Ausdrucksmöglichkeiten, ohne dass bei deren Präsentation auf die Trennung in die überstrapazierten Kategorien von Spielfilm /Dokumentarfilm zurück gegriffen wird: Wie bereits im vergangenen Jahr sprechen wir auch in diesem über FILM.
Über die Filme jener Regisseure und Regisseurinnen, die wir in Wien begrüßen werden, wie Marco Bellocchio, die Gebrüder Dardenne, Lav Diaz und Elia Suleiman. Über die Gewinner der europäischen Festivals, wie SYNONYMES von Nadav Lapid und VITALINA VARELA von Pedro Costa. Über Filme, die im Herbst in Toronto und San Sebastian erstaufgeführt werden, wie ASÍ HABLÓ EL CAMBISTA von Federico Veiroj und
VENDRÁ LA MUERTE Y TENDRÁ TUS OJOS von José Luis Torres Leiva. Darüber hinaus über grenzüberschreitende Filme, die sich andere und verschiedenartige Kinowelten eröffnen, wie SERPENTÁRIO von Carlos Conceição, eine filmische Ich-Erzählung aus Angola; LA MISÉRICORDE DE LA JUNGLE des ruandischen Regisseurs Joël Karekezi; HONEYLAND von Tamara Kotevska und Ljubomir Stefanov, der in Mazedonien spielt; und AND THEN WE DANCED des Georgiers Levan Akin.
Wir kündigen außerdem die ersten österreichischen Filme an, die auf der Viennale gezeigt werden: LITTLE JOE von Jessica Hausner, DIE DOHNAL von Sabine Derflinger, DIESER FILM IST EIN GESCHENK von Anja
Salomonowitz, SPACE DOGS von Elsa Kremser und Levin Peter.
Im Herbst in Wien bei der Viennale zu weilen, ist die Gelegenheit, große Filme und große Stimmen zu feiern: Es werden weder VARDA PAR AGNÈS, der letzte Film der kürzlich verstorbenen Meisterregisseurin Agnès Varda fehlen, noch AMAZING GRACE, der die Aufnahmesessions zum gleichnamigen, wegweisenden Album der Königin des Soul, Aretha Franklin, wieder zugänglich macht, die unter anderem von Sydney Pollack gedreht wurden.

Die Kurzfilme sind in PROGRAMMEN zusammengefasst, innerhalb derer die verschiedenen Titel miteinander in Kontakt treten.

Die RETROSPEKTIVE ist eine tiefgehende Erforschung eines Zeitraums, einer Produktionsweise, einer filmgeschichtlichen Wirklichkeit. Dieses Jahr besteht sie aus fünfzig Filmen, die nach den zwei Festivalwochen bis in den Dezember hinein in Wien zu sehen sein werden, um dann an andere Orte weiterzureisen.

Die MONOGRAFIEN feiern Regisseure und Regisseurinnen mit einer ausführlichen Erkundung ihres kreativen Schaffens; diese Sektion beabsichtigt, zu einem tiefgehenden Verständnis der Poetik der jeweiligen
Filmemacher und Filmemacherinnen beizutragen.

Die KINEMATOGRAFIEN sind nach Themen, Tropen oder spezifischen Produktionsweisen geordnete Programme. Wobei die Perspektive auf das Werk eines Regisseurs oder einer Regisseurin, auf eine filmische Wirklichkeit, auf einen Stil oder in eine Richtung gelenkt werden soll, um herauszufinden, was diese über die verschiedenen Möglichkeiten des Kinos aussagen.

Die HISTORIOGRAFIEN schließlich bezeichnen die Möglichkeit, die Geschichte und die Geschichten des Kinos mittels des Kinos selbst zu schreiben, und betonen die fundamentale Bedeutung der Bewahrung und Förderung des Film-Gedächtnisses. Hierunter fallen Filme, die kürzlich von den Filmarchiven der Welt zutage gefördert worden sind, deren Form durch die Restaurierung wiederbelebt wurde und deren Vorführung den Inhalt wiederaufleben lässt.

Wer sich den Details des Programms widmet, wird feststellen, dass sich die Filme gegenseitig wachrufen: Als Stimmen aus unterschiedlichen Teilen der Welt, die über die Auswahl ihrer Themen und in ihrer Suche nach dem Stil miteinander verbunden sind. Als Dialoge zwischen verschiedenen Gegenden und zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Als Filme, die Reisen sind auf der Suche nach den Wurzeln, nach der Geschichte, nach der Identität von Gesellschaften und Individuen. Filme, die sich in tierischer oder pflanzlicher Natur spiegeln, um etwas wiederzufinden, was verloren gegangen ist. Filme, die von der Notwendigkeit erzählen, einander anzuerkennen, einander zu verstehen und jeweilige Verschiedenheiten zu würdigen. Es ist ein Programm, das in der Vielfalt der abgebildeten Stile explizit auch ein Bewusstsein offenbaren will: für das Kino als Übung und Mittel der Politik. Ein Kino, das in seinem Wesen Erinnerung und Widerstand sein will, heute mehr denn je.