BEIJING DE FENG HEN DA

V'00

BEIJING DE FENG HEN DA

THERE'S A STRONG WIND IN BEIJING

Ju An Qi
VR China, 2000
Dokumentarfilme, 48min,

BEIJING DE FENG HEN DA

Ju An Qi
VR China, 2000
Dokumentarfilme, 48min,

Drehbuch: 
Ju An Qi
Ton: 
Ju An Qi
Kamera: 
Liu Yonghong
Schnitt: 
Ju An Qi

Produktion: 
Trench Film Group
Weltvertrieb: 
Trench Film Group
Format: 
16 mm
Farbe

Beijing de feng hen da ist ein für chinesische Verhältnisse radikales Projekt. Passanten werden vom Regisseur auf der Straße direkt und unverblümt angesprochen – schon das ist in der Volksrepublik ein eher ungewohntes Vorgehen. Die bereits sichtlich verunsicherten Befragten werden dann noch mit scheinbar dämlichen, ja fast grotesk belanglosen Fragen konfrontiert. Ju An Qi will in Bädern und Schulen, in Restaurants, Schönheitssalons und an öffentlichen Plätzen wissen, was den Menschen zum Thema «Wind in Beijing» einfällt. Ganz abgesehen davon, dass «Wind» im Chinesischen noch weitere Bedeutungen und in China verschiedene Konnotationen hat, ist es natürlich viel interessanter, zu beobachten, was in den Gesichtern vor sich geht, als zu hören, was tatsächlich geantwortet wird. Ein großer Teil der Befragten wendet sich sowieso ab. Der Rest teilt sich in Ernsthafte und peinlich Berührte, denen aber eines gemeinsam ist: Fast alle lassen, bevor sie sich wieder fassen, nur für einen Moment, für einen winzigen Augenblick die Maske fallen, verlieren im wahrsten Sinne des Wortes ihr Gesicht - und das ist immer noch das Schlimmste, was einem Chinesen passieren kann. Diese an Wigald Bonings Straßenbefragungen für RTL Samstag Nacht erinnernde Methode mag hierzulande der Stoff für Comedy sein, im Reich der Mitte werden damit Medien- und Politmechanismen ausgehebelt. So ist es möglich, einen «subjektiven Blick auf die Gesellschaft und die Realität» (Ju An Qi) zu entwickeln, ohne dass die Filmemacher von der Zensur festgenagelt werden könnten. Mit der wahren Geschichte vom todkranken Kind bricht plötzlich und unerwartet dann die Realität in ihrer bösartigsten Form in den Film ein und bemächtigt sich seiner. Bei uns mag Authentizität mittlerweile eine Kategorie aus der Steinzeit sein. Ju An Qi und Konsorten aber liegt sie noch sehr am Herzen: Die 48 Minuten des Films sind das komplette gefilmte 16mm-Material, mehr war nicht vorhanden, keine einzige Sekunde wurde weggelassen. Dass das Material bereits abgelaufen und schon etwas farbstichig ist, verstärkt den Eindruck der Authentizität noch. (Thomas Winkler)