V'25 Sujets
Das diesjährige Viennale-Sujet ist ebenso faszinierend wie verstörend. Sein Motiv entstammt einer französischen Ausgabe des „Physiologus“ aus dem 13. Jahrhundert und zeigt einen Fuchs, der sich totstellt, um einen Vogel anzulocken; beide sind einander prospektiv Beute.
Im kollektiven Bewusstsein gilt der Fuchs als listig und stolz, als unzuverlässig und immer auch ein wenig Opfer seiner selbst – von Aesop über La Fontaine bis zu Collodi. Im Laufe der Jahrhunderte und in verschiedenen Kulturen hat er unterschiedliche Haltungen verkörpert; im Mittelalter gewann seine Symbolik besonders interessante Facetten; negativ konnotiert wird er vor allem mit übertriebener Schmeichelei, Doppelzüngigkeit und elaborierten Täuschungsmanövern. Doch hier bleibt unklar, wer eigentlich Jäger und wer Gejagter ist. Das Rollenspiel ist komplexer, und gerade in dieser Mehrdeutigkeit liegt der Reiz: Aus der Begegnung kann sich das Verhältnis wandeln.
Das Retro-Sujet würdigt die Kunst und handwerkliche Könnerschaft eines großen Filmschaffenden mit einem Still aus jenem Meisterwerk, das unsere historische Rückschau eröffnet: LA CHUTE DE LA MAISON USHER aus dem Jahr 1928. Eindrucksvoll fängt es die visionäre Kraft Jean Epsteins und die technische Avantgarde seiner Mittel ein. Zugleich ist es ein perfektes Beispiel für die inspirierenden Impulse, die dieser außergewöhnlich originelle Meister des Kinos von Beginn an in Kunst und Literatur gesetzt hat – und zugleich für die einzigartigen Kollaborationen, die sein eigenes künstlerisches Schaffen bereichert haben.