MINNIE AND MOSKOWITZ

V'08

MINNIE AND MOSKOWITZ

John Cassavetes
USA, 1971
115min, OF

MINNIE AND MOSKOWITZ

John Cassavetes
USA, 1971
, 115min, OF

Mit: 
Gena Rowlands
Seymour Cassel
Val Avery
Tim Carey
Katherine Cassavetes
Lady Rowlands

Produktion: 
Al Ruban
Weltvertrieb: 
Verleih in Österreich: 
Farbe

Die Geschichte von Minnie and Moskowitz wurde für den Film geschrieben, und für ein paar Freunde, die darin spielen könnten. Nach ungefähr zweieinhalb Wochen war der erste Entwurf fertig. Gefühle von Einsamkeit, an die ich mich erinnerte, standen an ihremS Beginn, ebenso wie das Verlangen nach Liebe und einer Familie, dem Einverständnis zwischen Leuten, die man mag und liebt. Da gibt es: Eine Minnie Moore, die alle Vorzüge der Welt besitzt, aber nicht weiß, wohin mit ihnen. Die ein leeres Bett hat, eine ordentliche Wohnung, einen Job und einen Liebhaber, der verheiratet ist und manchmal vorbeikommt. Für meine Begriffe ist Minnie ständig dabei, ihr Spiegelbild zu durchsuchen, und schaut derart oft in ihre Vergangenheit, dass es keine Zukunft geben kann. Ihre Affäre mit Seymour Moskowitz, einem bodenständigen Mann, der von neun bis fünf Uhr arbeitet, seine Mutter liebt, lange Haare trägt, zum Geldverdienen Autos einparkt, cool ist wie Bogart, der in öden Kinos auf dem Times Square das Abenteuer sucht, in Lokalen, die die ganze Nacht geöffnet haben, und zwar mit Mädchen, die ihm etwas bedeuten. Für mich steht Moskowitz für eine neue Hoffnung in Amerika. Es geht ihm weder um Erfolg noch um ein gutes Glas Wein, weder um das Fernsehen noch um «Playboy», «Screw» oder die «Village Voice». Er formt beim Rauchen keine Kringel, steht an keiner Straßenecke herum, um mit irgendwem zu quatschen. Wenn sein Leben gleichförmig wird, langweilt er sich und zieht weiter. Er ist ein ungebundener, pragmatischer, unkomplizierter amerikanischer Träumer, dem das Liebesversprechen aus einer Tasse Kaffee entgegenblickt, nicht anders wie aus einem Paar schöner Augen. Ein Seymour Moskowitz hat seinen eigenen Stil. Er wurde gezogen und getreten wie wir alle, doch ist aus ihm etwas geworden, wonach wir uns nur sehnen - ein Kerl, der weiß, dass eine Liebschaft allemal besser ist als die Einsamkeit, und sich dementsprechend verhält. Anders Zelmo Swift, der durch den Geschäftsbetrieb irre geworden ist: Wenn er sich zum Mittagessen mit Mädchen trifft, blindwütig übersprudelt vor Emotionen, ist er regelrecht verunstaltet von seiner Unfähigkeit, sich selbst - was er ist, was er geleistet hat - auch nur einen Moment lang zu vergessen. Letztlich ist Zelmo Swift ein wahnsinniger Kreditkartenjongleur, ein Fälscher momentaner Gefühle, der jeden, mit dem er in Kontakt kommt, unter Druck setzt und erpresst. Mrs. Moskowitz, Seymours verwitwete Mutter - jüdisch in dem Maße, wie sie allein für ihren Sohn lebt-, hat sich als Kellnerin durchs Leben gearbeitet, möchte immerzu Hilfe leisten, fühlt sich eingeschränkt von ihrer finanziellen Situation und verunsichert, weil Minnie und ihre Mutter mit einem Mal, ohne rechten Grund, Seymour als «den Ehemann» haben wollen. Seymour ist für seine Mutter ein unfähiger kleiner Junge, der seltsame Essgewohnheiten hat, aber keinen Ehrgeiz - nicht nur könnte er niemals Frau, Familie und zudem noch Minnies Mutter ernähren, sondern ist mit fünfunddreißig auch immer noch nicht alt genug, um Liebe, Sex und Heirat als die ernsten und konfusen Dinge zu erkennen, die sie sind. Minnies Mutter Georgia, ebenfalls verwitwet, sieht in ihrer Tochter immer noch das gute Mädchen mit lockigem Haar und leuchtenden Augen. Sie erkennt die Pracht von Minnies Jugend und hofft, dass alle Verheißungen wahr werden. Doch weiß sie auch, dass das Leben ein Kompromiss ist. Tausendundeinmal hat sie das, was sie wollte, unter dem, was getan werden musste, begraben. Es ist weniger so, dass sie gegen die Heirat mit Seymour wäre - eher möchte sie, dass Seymour ganz dem Bild entspricht, dass sie sich von einem Ehemann für Minnie bereits gemacht hat. All diese Probleme straft das Drehbuch Lügen - aus dem, was war, macht es die Vergangenheit und aus dem, was ist, das Jetzt. Es schlägt einen Bogen um den Wahnsinn, den das Leben uns allen aufbürdet - es versetzt zwei Menschen in die Lage, einander zu brauchen und gibt ihnen, meine ich, eine zweite Chance wie das Leben auch. Übersetzung von Stefan Flach