V’18: OCTOBER 25 – NOVEMBER 8, 2018

GLANEURS ET LA GLANEUSE

V' 06

Les GLANEURS ET LA GLANEUSE

Agnès Varda
F, 2000
82min, OmdU

Les GLANEURS ET LA GLANEUSE

Agnès Varda
F, 2000
, 82min, OmdU

Darsteller: 
François Wertheimer
Bodan Litmanski
Agnès Varda

Produktion: 
Ciné-Tamaris
Weltvertrieb: 
Verleih in Österreich: 
35 mm/Farbe

Ich wollte Bilder sammeln, so wie andere Menschen Reiseeindrücke niederschreiben; mir erlauben, einen lustigen Hund zu zeigen, den ich unterwegs traf (Warum trägt er einen roten Boxhandschuh am Halsband?); mir die Freiheit nehmen, bei einem Gemälde von van der Weyden zu verweilen; Paare zu beobachten. Und immer wieder zu den Sammlern zurückzukehren, zu versuchen, ihr Vertrauen zu gewinnen, ihnen zuzuhören, mit ihnen zu plaudern anstatt sie zu interviewen, sie zu filmen. Ich schaffte es, mich ihnen zu näheren, sie aus ihrer Anonymität zu reißen. Ich entdeckte ihre Großzügigkeit. Es gibt so viele Arten, arm zu sein, gesunden Menschenverstand zu besitzen, zornig oder humorvoll zu sein. Die Menschen, die ich gefilmt habe, lehren uns einiges über unsere Gesellschaft und über uns selbst. Ich selbst habe ebenfalls viel gelernt, während ich diesen Film machte. Das bestätigt mich in dem Glauben, dass Dokumentationen eine Schule der Bescheidenheit sind. Dank der Freiheit, die mir eine Produktionsfirma gewährt, die mehr oder weniger mir selbst gehört, kann ich es mir erlauben, zwei Wochen lang zu drehen und dann sofort zu schneiden. Inzwischen suchen wir nach neuen Drehorten. Dann drehen wir aufs Neue und schneiden wieder. Dann nimmt der Kommentar Gestalt an, einzelne Wörter ergeben neue Ideen, neue Informationen tauchen auf, neue Kontakte. Dann geht's wieder auf die Straße. Und dann kommt der endgültige Schnitt, die Musik, die Mischung. Agnès Varda «Postitif», 2001 Les Glaneurs et la glaneuse ist ein Wunder an Freiheit und Genauigkeit, Neugier und Geduld, Verspieltheit und Zärtlichkeit. Die Regisseurin von Sans toi ni loi und Cléo de 5 à 7 beginnt mit François Millets Bild von den Kartoffelklauberinnen und kommt von dort vom Hundertsten ins Tausendste - oder eigentlich eher umgekehrt: Sie kommt ihrem Thema immer näher, indem sie es immer weiter fasst und zeichnet am Ende ein Bild unserer (Wegwerf-)Gesellschaft, das im gleichen Maße poetisch wie politisch ist. Sie beginnt mit der Erkenntnis, dass Erntemaschinen die mühselige Kartoffelernte von Hand überflüssig gemacht haben. Aber dann stellt sie fest, dass es das durchaus noch gibt, wenngleich in anderem Zusammenhang. Abseits der Konsumgesellschaft gibt es immer noch Leute, die sich bücken und die Reste auflesen. Sie wühlen in den Abfällen der Wochenmärkte, durchsuchen die Mülltonnen hinter den Supermärkten, pflücken, was bei der Ernte übersehen wurde. Varda findet ihre Helden auf Obstplantagen, auf Müllkippen und Schrottplätzen. Godard hat einmal behauptet, er habe seinen Film auf dem Schrottplatz gefunden - Varda nimmt ihn beim Wort. Mit ihrer kleinen Kamera zieht sie los und liest ihren Film sozusagen von der Straße auf. Das ist keine Sozialreportage, sondern eine Reflexion über eine Gesellschaft, die von dem lebt, was durch den Rost fällt. Man kommt aus dem Staunen nicht mehr raus, was für Geschichten sich auf der Unterseite des Kartoffelklauberbildes finden - man muss sich nur bücken. Ein Film voller Lebendigkeit, voller Zugewandtheit zum Leben. Michael Althen

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