FOLIE ALMAYER

V'11

LA FOLIE ALMAYER

Almayer's Folly

Chantal Akerman
Belgien/Frankreich, 2011
Spielfilme, 127min,

LA FOLIE ALMAYER

Chantal Akerman
Belgien/Frankreich, 2011
Spielfilme, 127min,

Mit: 
Stanislas Merhar
Almayer
Aurora Marion
Nina
Marc Barbé
Captain Lingard
Zac Andrianasolo
Daïn
Sakhna Oum
Zahira
Solida Chan
Chen
Drehbuch: 
Chantal Akerman nach «Almayer’s Folly: A story of an Eastern River» (1895) von Joseph Conrad
Ton: 
Pierre Mertens
Cécile Chagnaud
Thomas Gauder
Kamera: 
Rémon Fromont
Schnitt: 
Claire Atherton
Ausstattung: 
Patrick Dechesne
Alain-Pascal Housiaux
Kostüm: 
Catherine Marchand

Produktion: 
Artémis Productions, Liaison Cinématographique, Paradise Films
Weltvertrieb: 
Doc & Film International
Format: 
35 mm
Farbe

Almayer sitzt in einem südostasiatischen Irgendwo und weiß mit der Gewissheit aller Besessenen wie Verdammten, dass bald, ganz bald alles besser werden wird – die Reichtümer sind immer nur einige Tage und Mühen, zwei Geschäfte oder eine Expedition weit weg, ganz nahe, eigentlich … Aber. Seine Seele verriet er einst durch die Geldheirat mit einer Einheimischen: Zahira, deren Geist verdorrte durch das Zwangsleben an seiner Seite. Zahira gebar ihm eine Tochter: Niña, die sein Svengali von Kompagnon, Lingard, ihm später nahm und in ein katholisches Internat in der Stadt steckte, wo dann die Nonnen versuchten, eine Weiße aus ihr zu machen. Was wiederum eigentlich in Almayers Sinne ist, toben doch die Dämonen des Westens in ihm, lassen ihn glauben, einer höheren Rasse anzugehören – so fantasiert er sich für Niña eine Zukunft zusammen in einer Alten Welt, wo elegante Damen und Herren von Kultur dem Neusten in der klassischen Musik huldigen. Grau wird Almayer beim Warten, auch wenn sein Antlitz auf unheimliche Weise jung bleibt. Als Niña, so wunderschön wie zerfressen von (Selbst)-Hass, nach Jahren in das langsam zerfallende Dschungelheim zurückkehrt, wird sich alles anders entwickeln, als gedacht: Mit der Welt des Vaters will die strahlende junge Frau nichts zu tun haben – und wenn sie sich für ihre Freiheit mit einer so virilen wie zwielichtigen Gestalt wie dem Schmuggler/Untergrundkämpfer Daïn einlassen muss … La Folie Almayer ist weniger eine Conrad-Adaption als vielmehr eine Variation über Motive und Themen aus dem Roman des polnischen Romanciers. Der Film schaut sich, als sei er aus Akermans Erinnerung an den Stoff entstanden: als habe sie allein jene Momente, Konstellationen, Bilder, Gerüche gar und Farben, die ihr im Gedächtnis geblieben waren, für das Drehbuch genommen; genauer gesagt: als habe sie allein das, was ihr selbst unmittelbar etwas sagte, sie direkt berührte, persönlich betraf, als Drehbuchbasis genommen. Diese Elemente baute sie dann zum Teil weiter aus – Niña, z.B., ist im Roman eher eine Nebenfigur, während sie bei Akerman zum Zentrum der zweiten Hälfte des Films wird. Niña ist eines von Akermans vielen Selbst-Bildnissen – eine weitere Erinnerung daran, wie sie einmal war oder zumindest gern gewesen wäre. So ward etwa die Geschichte mit dem Internat, die bei Conrad wenig mehr ist als eine Andeutung, ausgebaut von Akerman, da sie darin eine Parallele zu ihrem eigenen Leben sah: Cyril Béghin erzählte sie in einem Interview, dass ihr eher laizistisch orientierter Vater sie sofort nach dem Tod seines streng orthodox-jüdischen Vaters in eine staatliche Schule gesteckt habe – als Akt der Selbst-Befreiung, unter dem sie zu leiden hatte; nicht ganz das Gleiche, aber durchaus vergleichbar – eine Art Widerhall. Was gut passt zu einem Film: Der wirkt wie eine Serie wiederkehrender Echos; dessen Bilder etwas mit vier klaren Hieben aus der Welt Geschlagenes haben; dessen Rhythmus eigentümlich rollend, manchmal unerklärlich, reißend ist in seinem trägen Schaukeln. Olaf Möller