Monografie: DIE STADT DER KINDER

Drei Arbeiten von Isabel Pagliai

Isabel Pagliais Arbeiten sind beseelt von der Sehnsucht, wieder Kind zu sein. Die aus Hochsavoyen stammende Filmemacherin filmt nicht nur junge Menschen an Orten wie einem Wohnblock, einem Fluss oder einem Teich, sondern taucht mit hypnotischen und soziologisch interessierten Bildern förmlich ein in deren entrückte Welten des Spiels und der Zeitlosigkeit. Die Filme suchen vor allem jene Augenblicke, in denen für die Kinder und damit auch für die Kamera keine Außenwelt zu existieren scheint. Es geht um ein Sein im Hier und Jetzt, ein Sich-Vergessen.
Pagliai, die eine Tanzausbildung aufgrund einer Verletzung abbrechen musste, beschäftigte sich schon im Studium mit der Rolle von Kindern in Kunst und Gesellschaft. In den oftmals frontal und immer würdevoll gefilmten Gesichtern findet sie eine Offenheit, die von einem lyrischen Widerstand gegen die Mechanismen der Welt erzählt. Auf der einen Seite wird geflucht, beleidigt und man spürt, dass die Umstände des Lebens keine leichten sind, auf der anderen Seite gibt es große Nähe und Empfänglichkeit in den Gesprächen und Handlungen. So wird die Bewegung eines glühenden Astes in TENDRE zur Sensation, die Neugier auf die Liebe zur Hoffnung auf eine andere Zukunft.
Mit ISABELLA MORRA und ORFEO drehte Pagliai zwar zwei Arbeiten mit mythologischem beziehungsweise historischem Hintergrund, viel mehr als an Narrativen fasziniert die Filmemacherin aber ein schwebender Zustand auf den Schwellen des Lebens: zwischen Dunkelheit und Licht, Land und Wasser oder eben zwischen Jugend und Erwachsenenalter. Die Geschichten lässt sie ihre Protagonisten er- zählen. So entwickelt sich ein surrealer Dialog zwischen den gefilmten Orten, der Phantasie und der Wahrnehmung. Man verschwindet förmlich in den Mikrokosmen, die in sich das utopische Potenzial von Fiktion und Freiheit tragen.
Da Pagliai, die oft selbst die Kamera führt, auf Totalen oder Gegenschüsse verzichtet, bleibt einem nichts anderes übrig, als sich im Moment zu verlieren. Die Häuserfassaden in ISABELLA MORRA, der kleine Waldweg in ORFEO oder die sich im Wasser spiegelnden Bäume in TENDRE sind kein Hinter- grund, sie sind ein gleichberechtigter Teil einer nicht-hierarchischen Wahrnehmung. Es geht nicht um größere Zusammenhänge, sondern um das Leben selbst. Derart verbünden sich Kino und Kindheit zu einer Anordnung, in der Raum und Zeit außer Gefecht gesetzt werden und genau deshalb wieder an Bedeutung gewinnen. (Patrick Holzapfel)

In Anwesenheit von Isabel Pagliai.

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