Hans Hurch 1952 – 2017

AM URSPRUNG, AM ABGRUND
VON THOMAS MIESSGANG

Wenn es eine Eigenschaft gibt, die Hans Hurch charakterisierte, dann war es Maßlosigkeit. Maßlosigkeit allerdings nicht im Sinne von Gier oder Unersättlichkeit – Geld war ihm immer gleichgültig –, sondern als Weigerung, Maß zu nehmen an dem, was Öffentlichkeit, Politik und Kultur als existentielle Möglichkeiten anbieten. Maßlosigkeit als ein Sich-Lossagen von faulen Kompromissen, von konsensuellem Schulterklopfen, von geheimen Absprachen zum gegenseitigen Vorteil nach dem Muster der ehrenwerten Gesellschaft. Legendär waren seine Predigten am Beginn jeder Viennale, in denen er den Mächtigen und Wichtigen und solchen, die sich dafür hielten, einen Narrenspiegel vorhielt.

Die Maßlosigkeit führte in guten Momenten dazu, dass er, an seinen fast unerfüllbar hohen Kriterien Maß nehmend, über sich hinauswachsen und ungeheure Energien freisetzen konnte; in schlechten, dass die Lebensfülle, der er sein Dasein widmete und die er um jeden Preis auskosten wollte, seiner Gesundheit nicht mehr zuträglich war.

Bevor Hurch zur öffentlichen Figur wurde, zu einem Kämpfer für eine andere Kinokultur, die, wie es Armin Thurnher formulierte, «aus der Verelendung des Bildüberflusses die Konsequenz gezogen hat» , ehe er zum Direktor eines Festivals wurde, das unter seiner Leitung dem manipulativen, illusionistischen Potenzial des Kinos eine Absage erteilte, hatte er viele Jahre das Leben eines klassischen Wiener Kaffeehausliteraten mit Hang zur dekorativen Verlotterung geführt. Eines Literaten allerdings, der nicht schrieb, sondern Zeitung las und über H.C. Artmanns Definition des «poetischen Actes» meditierte: «Er ist reine Dichtung und frei von aller Ambition nach Anerkennung,
Lob oder Kritik.»

«Die Welt verändern»
In Hans Hurchs Leben ging es nie um Quantität, sondern um Qualität. Seine Tätigkeit als Filmkritiker beim «Falter», bei der er den Grundstein legte zu seinem Ruf als unkonventioneller Denker, der in der Verlangsamung und im Beharren auf Genauigkeit eine Möglichkeit sah, die Beschleunigungsdiktate der Gegenwart zu unterlaufen, war ein ständiger Kampf um das mot juste und um den Gedanken, der es wert ist, geäußert zu werden. Einmal setzte er sich am Abend in die Redaktion, um einen Artikel über Wim Wenders zu schreiben. Am nächsten Tag, um 9 Uhr vormittag, war er immer noch da. Der Text hatte mittlerweile die Länge von zwei Zeilen erreicht. Im darauffolgenden Falter erschien schließlich ein Still aus dem zu besprechenden Film, der beinahe die ganze Seite füllte. Und darunter eine Bildunterschrift. Gezeichnet: Hans Hurch.

Die Anzahl der Filmkritiken, die er geschrieben hat, enspricht im Umfang in etwa dem filmischen Gesamtwerk von Peter Kubelka, mit dem ihn eine jahrzehntelange Freundschaft verband. Doch in Verbindung mit seinen fulminanten Auftritten bei den Österreichischen Filmtagen in Wels reichten sie aus, um eine markante Figur zu formen, der plötzlich ungeahnte Karrieremöglichkeiten offenstanden, vom kuratierten Programm «hundertjahrekino» bis zur Direktion der Viennale.

«Le style est l’homme même» war ein Bonmot von Buffon, das Hurch gerne zitierte und nach diesem Stil, nach einer Haltung hat er sein Leben lang gesucht. Es war, pathetisch gesprochen, ein Ringen um die Form in einer Zeit, in der Kulturmanager dominieren, die schnell mit Zahlen und Excel-Tabellen bei der Hand sind, aber zu dem, was sie da eigentlich managen, nichts zu sagen haben. In diesem Sinne könnte man auch sagen, dass Hans Hurch nicht der Film an sich interessierte, sondern der Film als Medium der Wahrheitsfindung. So sagte er einmal apodiktisch: «Mich interessiert keine ‹Filmkultur›. Was mich interessiert, ist die Revolution. Das klingt altmodisch, aber was mich interessiert, ist, die Welt zu verändern.»

Es klang tatsächlich ein wenig wie aus der Zeit gefallen, dass jemand in der Epoche der Start-ups und der obszönen Gewinnmaximierungen noch so unzeitgemäße Dinge wie soziale Gerechtigkeit und gesellschaftliches Miteinander einklagte. Aber eine Forderung nach dem Motto von Che Guevara – «Seien wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche» – hatte zumindest die Wirkung, dass das Thema in der Welt war und kontrovers diskutiert werden konnte. Wobei Hans Hurch bei aller Rigorosität des Denkens und Handelns in der Lage war, seine persönlichen ästhetischen und politischen Kriterien mit den Erfordernissen eines Publikumsfestivals, wie es die Viennale ist, in Einklang zu bringen, ohne – und das ist seine große Leistung – die Kunst dem Massenmedium Film zu opfern oder, umgekehrt, das Massenmedium auf ein hermetisch-elitäres Programm für Eingeweihte zu verengen.

Am Anfang seiner Tätigkeit sei er viel unfreier gewesen, hat Hurch in einem Interview vor einigen Jahren gesagt: «Ich habe versucht, meinem Image zu entsprechen: Der Hurch, das ist der kritische und unbestechliche Mann, der vom ‹Falter› kommt. Ich hoffe, dass ich so geblieben bin – aber zugleich bin ich beim Programm offener geworden. Es interessieren mich heute, etwa im Genre-Kino, mehr Filme als früher. Ich glaube, man kennt das Kino nur, wenn man es in allen Facetten kennt.»

Die Viennale ist ein Festival ohne Wettbewerb und somit kein Schauplatz, auf den Filmemacher drängen, um ihre Werke erstmals der Öffentlichkeit zu präsentieren. Hans Hurch hat es geschafft, dieser relativ kleinen Veranstaltung am Rande des Big Business Kino eine Kontur zu geben, die sie international weit größer erscheinen ließ, als sie eigentlich war. Die Viennale-typische Mischung aus Tributes, Spezialprogrammen, gut ausgewählten Filmen aus der laufenden Produktion und Stargästen, die oft gar keine Stars waren, sondern einfach interessante Kinoleute wie die hochbetagte Scream Queen Fay Wray aus Stummfilmtagen, schaffte es, Leute ans Festival zu binden, die Jahr für Jahr kamen und jene Hingabe mitbrachten, die es braucht, dass aus einer Kulturveranstaltung ein Ereignis werden kann. Ausländische Gäste berichteten regelmäßig begeistert, wie der Direktor mit Charme und Kompetenz den Gesetzen der Gastfreundschaft gerecht wurde und sich dabei so viel Zeit nahm, dass manche rätselten, wie er auf diese Weise all seine Verpflichtungen erfüllen könnte.

High Noon bei der Vorbereitung des Festivals war immer, wenn Hurch am Ende der Filmauswahl vor einem riesigen Board mit allen Terminen stand, und wie ein Regisseur festlegte, ob ein Film für das Gartenbaukino geeignet war oder doch eher in die Urania wandern sollte. Dies war seine Art der kreativen Schöpfung und jener Moment, in dem das zarte Gewebe einer im zeitlichen Ablauf sich vollziehenden Reihe von Vorführungen zu einer Gesamtkomposition wurde. Bei der Auswahl und der Programmierung der Filme beharrte der Direktor kompromisslos auf der Autorität seiner Funktion: «In der Kunst ist Demokratie fehl am Platz.»

Wobei der Satz in dieser Form auch nicht ganz stimmt. Denn Hurch sah in dem Programm, das er, mehr oder weniger, allein verantwortete, eine Setzung – durchaus im philosophischen Sinne –, die es erlaubte, sich anschließend konsensuell oder kontroversiell, affirmativ oder ablehnend darüber auszutauschen. Die Demokratie verlagerte sich gewissermaßen in den Bereich der Post-Rezeption. Was damit vermieden werden konnte, war jenes künstlerische Mittelmaß, das, ganz ohne Gefahr und größte Not, meist aus Juryentscheidungen mit Interessensabgleich hervorgeht.

Der unerwartete Tod von Hans Hurch ist nicht nur für die Viennale ein schrecklicher Verlust, sondern für die Wiener Kultur ganz allgemein. Einer wie er, der die politische Auseinandersetzung und den inhaltlichen Streit beinahe wie ein Lebenselixier benötigte, hätte heute wahrscheinlich gar keine Chance mehr, in eine solche Funktion zu kommen. Wir können uns geistig vorbereiten auf eine Epoche, bei der es nur noch um den Kulturvollzug bei maximaler Publikumsbeteiligung geht, und nicht mehr um Kunst als Medium der Weltwahrnehmung und der ästhetischen Sensibilisierung.

Hurch war, mehr noch als ein Advokat des bewegten Bildes, ein Mann des Wortes, das ihm gleichermaßen Waffe, Schutz und Ausdrucksmittel war, mit dem er gegen den Strom der Rede schwamm. Was der Essayist Franz Maciewski in einem Text über den berühmten Besuch von Paul Celan bei Martin Heidegger geschrieben hat, passt auch ganz wunderbar zu Hans Hurch: «Was hatte ich denn anderes zu bieten als meine Sprache, meinen besten Besitz, meinen einzigen? Stand ich in ihr nicht am weitesten vorne, am Ursprung, am Abgrund?»

HANS HURCH

Geboren am 18. Dezember 1952 in Schärding, Oberösterreich, arbeitete als Filmjournalist, als Kurator und Festivalleiter der Viennale.
Frühe filmische Sozialisierung in den 1960er Jahren in Regionalkinos durch Filme von Charlie Chaplin und Buster Keaton. Beginnt ein Studium der Kunstgeschichte an der Universität Wien, schreibt viele Jahre lang Filmkritiken für das Stadtmagazin «Falter». Kuratiert Filmreihen u.a. für die Wiener Festwochen und das Donaufestival. Ist mehrere Jahre lang Mitarbeiter beim französischen Filmemacherpaar Jean-Marie Straub und Danièle Huillet. Kuratiert von 1993 bis 1996 das Projekt «hundertjahrekino» im Auftrag des Wissenschafts- und Kunstministeriums. 1997 wird er zum Leiter der Viennale bestellt und prägt das Festival über die nächsten 20 Jahre wesentlich.
Hans Hurch stirbt am 23. Juli 2017 während eines Arbeitsaufenthaltes in Rom.

14 FRIENDS, 14 FILMS
Eine Hommage an Hans Hurch

14 Freundinnen und Freunde, deren Arbeit mit der Viennale verbunden ist, widmen ihm je einen Film.
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