VIENNA INTERNATIONAL FILM FESTIVAL: OCTOBER 25 – NOVEMBER 8, 2018

ALICE IN DEN STÄDTEN

V' 06

ALICE IN DEN STÄDTEN

Wim Wenders
BRD, 1973, 1974
112min, OF

ALICE IN DEN STÄDTEN

Wim Wenders
BRD, 1973, 1974
, 112min, OF

Actors: 
Rüdiger Vogler
Yella Rottländer
Lisa Kreuzer
Edda Köchl
Ernst Boehm
Sam Presti
Screenplay: 
Wim Wenders
Veith von Fürstenberg
Sound: 
Martin Müller
Camera: 
Robby Müller
Editor: 
Peter Przygodda
Composer: 
Irmin Schmidt
Can

Production: 
Filmverlag der Autoren München im Auftrag des WDR Köln
Format: 
35 mm
Black/White

Alice in den Städten ist die Geschichte einer Identitätsfindung. Der deutsche Journalist Felix ist mit dem Auto in Amerika unterwegs, um eine Reportage über amerikanische Landschaften zu schreiben. Während Wenders und Handke wenige Jahre vorher in 3 amerikanische LP's wie Heimatlose im eigenen Land den Mythos Amerika beschworen und die Sehnsucht nach dem Original zum Ausdruck brachten, erzählt Alice in den Städten von Abschied und Rückkehr. Felix, der wie ein Dandymatrose aussieht und in schäbigen Motels anlegt, ohne zu bleiben, sehr nüchtern alle die Zauberworte und -orte abhakt, die ihm die amerikanischen LPs als Poesie hatten erahnen lassen, ist mit Amerika fertig. Nicht einmal die Story, die er schreiben soll, kann er abliefern, nur eine Menge Polaroids bringt er nach New York mit, aber die interessieren den Verleger nicht. Die Bilder von der Reise haben nur für ihn Bedeutung, denn sie zeigen ihm, dass die Realität mit den Bildern im Kopf, mit denen er nach Amerika gekommen ist, nicht übereinstimmt. Zugleich dienen sie ihm als Beweis, sagt die Freundin in New York, dass er es war, der das gesehen hat, und dass es ihn wirklich gibt. Das Gefühl für sich selbst habe er längst verloren. Aus den Fotos zieht er seine Identität, aus der Wahrnehmung des Fremden entsteht ihm die Kontinuität seiner Existenz. Er ist so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass er gar nicht hört, wenn sie ihm sagt, er solle gehen. Eine mit einer jungen Frau verbrachte Nacht und ein Fluglotsenstreik bewirken die Umkehr. Felix sieht sich genötigt, Alice, die neunjährige Tochter der Frau, die verschwunden ist, nach Amsterdam zu bringen. Die Frau taucht dort nicht wie versprochen auf, und das ungleiche Paar muss, damit er wieder seine eigenen gewohnten Wege gehen kann, im Ruhrgebiet die Adresse der Großmutter ausfindig machen. Der einzige Anhaltspunkt ist ein Foto von dem Haus, in dem sie wohnte. Das Foto zwingt Felix, von der Beschäftigung mit sich selbst abzurücken und die Wahrnehmung auf eine deutsche Wirklichkeit zu richten, die er wieder zu sehen lernt. Wuppertal, ausgerechnet Wuppertal, das surreale Wuppertal mit seiner Schwebebahn. Er lernt zugleich, von sich abzusehen, was ihm schwer fällt, und Verantwortung zu übernehmen. Alice wird für den Widerstrebenden zum Anker der langen Fahrt. Es ist die schönste Heimkehr seit John Fords The Searchers . Ein unkonturiertes Grau, weil auf 16mm gedreht und auf 35mm aufgeblasen, sanfte Abblendungen, ein ruhiger Fluss der Bilder, die nicht anders sein könnten, kleine Beobachtungen von großer Selbstverständlichkeit, Gesichter und Worte, alles stimmt, Wenders ist bei sich angekommen.