V’16: OCTOBER 20 – NOVEMBER 2, 2016

Festivalarchiv Trailer

V'16

V'16 TRAILER

Klaus Wyborny: CINÉMA VÉRITÉ

Wenige Filmemacher jenseits von Jean-Marie Straub liegen Hans Hurch so sehr am Herzen wie Klaus Wyborny, dessen jeweils aktuellen Arbeiten in den letzten Jahre stets zuerst auf der Viennale zu sehen waren. Mit DAS LICHT DER WELT  (2015) entstand denn auch ein Film aus diesem Nahverhältnis heraus: Wyborny filmte 2010 im (mittlerweile aufgelassenen) Stadtkino am Schwarzenbergplatz die Weltpremiere von STUDIEN ZUM UNTERGANG DES ABENDLANDES (2010), und mochte die Bilder aus dem dunklen, allein durch den Film teilerhellten Saal so sehr, daß er bei mehreren späteren Präsentationen des Werks zwischen Portugal und den USA dasselbe tat, um diese Aufnahmen dann zu einem Gewebe aus Orten und Zeiten zu verweben – zu einer Vision von Kino als einem Gleiten über die Erdteile auf des Projektors Licht. Gefeiert wird hier eine Praxis, die es ob ihres inhärent demokratischen Geistes zu verteidigen gilt, darin auch eine Art, das Leben wahr(wahr!)zunehmen, einzutauchen in den Reichtum, die Herrlichkeit der uns umgebenden Erscheinungen, wie es nur der Film (egal ob analog oder digital) hervorzubringen vermag.

Mit CINÉMA VÉRITÉ verdichtet Wyborny diese Utopie Kino nun auf Trailer-Länge, Manifest-Dichte. Kino, so wie es Wyborny versteht und die Viennale praktiziert, ist ein ständiger Aufbruch in die Wirklichkeit. Und was ist ein Trailer anderes als eine Einladung zum Aufbruch ins Ungewisse – eine Verführung, nach weniger als einer Minute oder auch nach 485 Minuten als ein neuer Mensch in die Welt hinauszugehen? Das ist die einzige Kino-Wahrheit, auf die zu hoffen sich lohnt.

CINÉMA VÉRITÉ
Klaus Wyborny (D/A 2016)
Regie, Kamera, Schnitt, Musik: Klaus Wyborny

V'15

V'15 TRAILER

Tsai Ming-liang: XIAO KANG

Auch in diesem Jahr ist es der Viennale wieder gelungen, einen großen Regisseur des Weltkinos für die Erstellung des traditionellen Festivaltrailers zu gewinnen. Der taiwanesische Filmemacher Tsai Ming-liang, bekannt durch Arbeiten wie REBELS OF THE NEON GOD, THE RIVER, THE HOLE, oder WAYWARD CLOUD gestaltete auf Einladung der Viennale eine kleine, knapp zweiminütige Hommage an den Schauspieler Lee Kang-sheng, jenen Darsteller, der seit fast 30 Jahren in nahezu sämtlichen Filmen Tsai Ming-liangs mitgewirkt und sein gesamtes Oeuvre entscheidend geprägt hat.

Der Film mit dem Titel XIAO KANG zeigt Lee Kang-sheng verloren an einem heissen Sommertag durch einen Bambuswald streifend, in einer Folge von zugleich geheimnisvollen wie absichtslosen Bewegungen. Verfremdet durch die wiederum abgefilmte Projektion des stummen, schwarz-weissen Materials, begleitet nur vom ruckelnden Geräusch einen Projektors. Es ist eine feine, minimalistische Arbeit zwischen Traum und Erinnerung, ganz im Stile der große Filme Tsai Ming-liangs.

"Immer öfter", so Viennale-Direktor Hans Hurch, "werden diese kleinen, von der Viennale initiierten Filme, wie etwa die Arbeiten von Stan Brakhage, Jean-Luc Godard oder zuletzt Manoel de Oliveira, zu einer rätselhaften, höchst persönlichen filmischen Verdichtung von Zeit und Erinnerung. Kinematographische Haiku im großen Strom der gegenwärtigen Bilder und Töne."

XIAO KANG
Tsai Ming-Liang (Taiwan/A 2015)

 

V'14

V'14 TRAILER

Manoel de Oliveira: CHAFARIZ DAS VIRTUDES

Der diesjährige Trailer der Viennale, der 21. seit 1995, stammt vom portugiesischen Filmemacher Manoel de Oliveira.
Oliveira ist mit 105 Jahren nicht nur der wahrscheinlich älteste noch tätige Filmemacher, sondern auch einer der großen Meister in der Geschichte des Kinos.
Sein erster Film DOURO, FAINA FLUVIAL entstand im Jahr 1931, sein bisher letzter, der kurze O VELHO DO RESTELO in diesem Sommer. Dazwischen liegen 83 Jahre.

Der Trailer der Viennale 2014 verdankt sich der Einladung des Festivals an den Filmemacher. Er ist im Zusammenhang und während der Arbeit an seinem neuen 20 minütigen Film O VELHO DO RESTELO entstanden, der vor wenigen Wochen beim Filmfestival von Venedig seine Welturaufführung hatte. In diesem Film, einer freien Phantasie über Literatur, Geschichte und die Figur des Don Quijote, ist für einige Augenblicke ein wasserspeiender Brunnen zu sehen, eine Einstellung, die sich in einer Überblendung in Meereswellen auflöst, während aus dem Off die Stimme des Erzählers zu hören ist.

Für seinen Trailer hat Oliveira die gleiche Einstellung gewählt. Sie zeigt einen barocken Wandbrunnen in der portugiesischen Stadt Porto, der den Namen „Chafariz das Virtudes“ trägt, was soviel bedeutet wie „Der Brunnen der Tugenden“. Porto ist jene Stadt im Norden Portugals, in der Manoel de Oliveira geboren und aufgewachsen ist und die noch heute ein zentraler Bezugspunkt des Künstlers ist. Für den Film wurde der Brunnen, der seit vielen Jahren vertrocknet ist, wieder zum Leben erweckt.

Anders als in O VELHO DO RESTELO steht hier im Viennale-Trailer der Brunnen ganz für sich. Für die Dauer einer Minute in einer fixen Einstellung, begleitet vom Geräusch des fließenden Wassers.

„Es ist“, sagt Viennale-Direktor Hans Hurch, „ein reines Bild der vergehenden Zeit, des verrinnenden Lebens, der Gegenwart und des Unwiederbringlichen zugleich. Und es ist für mich der vielleicht einfachste und geheimnisvollste aller bisherigen Viennale-Trailer. Immer wieder muss ich beim Betrachten dieses seltsamen filmischen Haikus an das lange, reiche Leben jenes alten Mannes von Porto denken, der uns diesen Film geschenkt hat.“

CHAFARIZ DAS VIRTUDES
Manoel de Oliveira (P/A 2014
)

Kamera: Renato Berta
Schnitt: Valérie Loiseleux
Ton: Henri Maikoff

 

V'13

V'13 TRAILER

SHIRIN NESHAT: ILLUSIONS & MIRRORS

Mit ihrem diesjährigen Trailer feiert die Viennale ein rundes Jubiläum. Es ist seit 1995 der 20. “Little Film”, der im Auftrag und auf Einladung des Festivals von einem oder einer bedeutenden Filmemacher/Filmemacherin realisiert wurde.

2013 ist die Wahl auf die iranisch-amerikanische Künstlerin Shirin Neshat gefallen. Ihr rund 2-minütiges Werk ILLUSIONS & MIRRORS ist eine Arbeit, entstanden im Zusammenhang eines größeren Projekts, eines halblangen, experimentellen Films, den die für Ihre Installationen und Photos weltberühmte Neshat in diesen Wochen mit Unterstützung von Dior erstellt. In der ihr eigenen radikalen, schwarz-weiß gehaltenen Stilistik, erzählt ILLUSIONS & MIRRORS die schlafwandlerische Halluzination einer jungen Frau, dargestellt von der Schauspielerin Natalie Portman, in Szene gesetzt von Kameramann Darius Khondji, der zuletzt für Michael Hanekes AMOUR verantwortlich war. ILLUSIONS & MIRRORS ist der vergebliche Versuch, einem Phantom zu folgen, das durch die Dünen eines leeren Meeresstrandes wandert, und als es am Ende in einem verlassenen Haus zur Begegnung kommt, erfährt die junge Frau eine verstörende Überraschung.

Shirin Neshat: „Dieser Film zollt den Schwarzweiß-Stummfilmen von surrealistischen Regisseuren Tribut, darunter Man Ray, Jean Cocteau, Luis Buñuel und – später – Maya Deren. Thematisch schlug ich einen komplett neuen Weg ein, denn der Film ist weit entfernt von meinen vergangenen sozialpolitischen Arbeiten über den Iran und Islam, sondern schildert eine absolut zeitlose, universelle Geschichte.“

Der kleine Film einer großen Künstlerin und der erste Viennale-Trailer mit einem veritablen Star. Oder, wie Shirin Neshat sagt, “for a moment I met Hollywood”.
 

ILLUSIONS & MIRRORS
Shirin Neshat

USA/A 2013, 2 Minuten
DCP/35mm/1:1,33/sw

Regie Shirin Neshat
Kamera Darius Khondji
Schnitt Nariman Hamed
Musik und Ton Johnny Azari
Mit Natalie Portman
Produktion Shirin Neshat

Weltrechte Viennale, Siebensterngasse 2, 1070 Wien, T +43 1 526 59 47
Weltvertrieb Sixpack Film, Neubaugasse 45/13, 1070 Wien, T +43 1 526 09 90

V'12

V'12 Trailer

Ein kurzer Film von Chris Marker zur langen Geschichte des Kinos

Auf Einladung der Viennale erstellte der 90-jährige legendäre französische Filmessayist Chris Marker vor einiger Zeit einen 1-minütigen Festival-Trailer, wie dies vor ihm schon Regisseure wie Agnès Varda, Stan Brakhage, Jean-Luc Godard oder David Lynch getan hatten. Die Viennale wählte seine Arbeit als «Jubiläumsfilm», da sich Marker wie kein anderer vor ihm in diesem Trailer auf spielerische und überraschende Weise mit der Geschichte des Kinos beschäftigt. Genauer gesagt mit der Frage nachdem «Perfect Viewer», auf dessen Suche sich das Kino seit Griffith befindet. Dem idealen Betrachter, den Chris Marker schließlich am Ende seines kleinen Essays in einer unerwarteten Figur entdeckt.

See for yourself.

 

 

Chris Marker, F/A 2011

 

 

V'11

DAVID LYNCH: THE 3RS

Mit der Holzhammermethode versucht der Hut-und-Mantel-Mann, der Erde die Faxen auszutreiben. Jedes Mal, wenn er ausholt und sein Werkzeug niedersausen lässt, quietscht es unterirdisch mitleiderregend. In der Luft summt und brummt es aggressiv, unsichtbare Insekten fliegen Attacken. Natur wehrt sich. Möglicherweise hat der Mann auch einen psychotischen Schub. Oder er steckt in einem Film von David Lynch.

Mit «The 3 R’s» könnten die drei grundlegenden Kulturtechniken Lesen, Schreiben, Rechnen (Reading, wRiting, aRithmetic) gemeint sein; Kulturtechniken, die, daran lässt Lynchs verdichteter Schul-Albtraum keinen Zweifel, zugleich Techniken der Zurichtung, Beschränkung, Kontrolle sind. Die zu Beginn gestellte Frage nach der Anzahl der Steine in Petes Händen ist nicht trivial. Wieso 2? Warum nicht 3? Oder 14?

Im Gleichklang mit der Lynchschen Auflösung filmischer Narration in ein assoziatives Schreckensgeflecht bricht, was linear, rational, fest gefügt und sicher schien, auf. Befreite Bilder befreien Gedanken. Oder befreien freie Gedanken die Bilder? Es gibt Räume, in denen lassen sich Erfahrungen jenseits des wissenschaftlich-technischen Weltbildes machen. Im Kino blutet auch eine Quietsche-Ente, wenn man ihr den Kopf abschneidet.

 

 

DAVID LYNCH: THE 3RS
USA/A 2011
35 mm/1:1,78/Farbe und Schwarzweiß, OF
Realisation: David Lynch
Produktion: David Lynch im Auftrag der Viennale
Weltrechte: Viennale, Siebensterngasse 2, 1070 Wien, T +43 1 526 59 47, office@viennale.at
Weltvertrieb: Sixpack Film, Neubaugasse 45/13, 1070 Wien, T +43 1 526 09 90 office@sixpackfilm.com

DAVID LYNCH
Geboren 1946 in Missoula, Montana. Besucht die Art School in Philadelphia und beginnt in der frühen 70er Jahren an ERASERHEAD zu arbeiten, den er 1976 fertigstellt. Seine düsteren «Americana», darunter die TV-Serie TWIN PEAKS (1990/91), etablieren ihn als einen der bedeutendsten Regisseure des Gegenwartskinos.
Filme (Auswahl): THE ELEPHANT MAN (1980), BLUE VELVET (1986), TWIN PEAKS: FIRE WALK WITH ME (1992), THE STRAIGHT STORY (1999), MULHOLLAND DR. (2001), INLAND EMPIRE (2006).

 

V'10

APICHATPONG WEERASETHAKUL: EMPIRE

EMPIRE ist ein Film über das Suchen und das Finden. Da ist zunächst einmal das, was man sieht, und das sind ein Taucher mit blendend weißem Helm, eine Höhle oder Grotte, an deren Wänden sich die Kamera vorsichtig entlangtastet, und zuletzt eine Hand, die in den Sand greift, um ein paar Muscheln aufzulesen und spielerisch durch die Finger gleiten zu lassen. Unterlegt sind diese Bilder mit einem polyphonen Rauschen, Hämmern und Klappern, dessen Ursprung im Dunkeln bleibt. Hat der Taucher etwas gesucht und jemand anderer etwas gefunden? Möglicherweise.

Apichatpong Weerasethakul überlässt es wieder einmal der Imagination des Zuschauers, diese Leerstelle zu füllen und sich selber eine Antwort zu finden. Wer will, kann hier angesichts der buchstäblich fantastischen Langfilme Weerasethakuls über Dschungellichter und Höhlenfinsternis philosophieren, doch während man das macht, ist man bereits unbemerkt den Spuren des Filmemachers gefolgt – und selbst zum Suchenden geworden.

«Die Offenheit ermöglicht erst, Dinge zu entdecken», meint Weerasethakul, und das ist wohl die beste Voraussetzung für einen Festivaltrailer. Warum dieser Film EMPIRE heißt? Finden Sie es heraus.

 

 

Apichatpong Weerasethakul:  EMPIRE
Thailand/A 2010, 2 Minuten
35 mm/1:1,85/Farbe, kein Dialog
Realisation: Apichatpong Weerasethakul
Produktion: Apichatpong Weerasethakul im Auftrag der Viennale
Weltrechte: Viennale, Siebensterngasse 2, 1070 Wien, T +43 1 526 59 47, office@viennale.at
Weltvertrieb: Sixpack Film, Neubaugasse 45/13, 1070 Wien, T +43 1 526 09 90 office@sixpackfilm.com

APICHATPONG WEERASETHAKUL
Geboren 1970 in Bangkok. Filmstudium am School of the Art Institute in Chicago. Nach dem Dokumentarfilm MYSTERIOUS OBJECT AT NOON (2000) etabliert er sich mit den Spielfilmen BLISSFULLY YOURS (2002) und TROPICAL MALADY (2004) als einer der bedeutendsten asiatischen Filmemacher. Seine Filme werden regelmäßig bei der Viennale präsentiert: WORDLY DESIRES (2005), SYNDROMES AND A CENTURY (2006), UNCLE BOONMEE WHO CAN RECALL HIS PAST LIVES (2010), MEKONG HOTEL (2012).

 

V'09

JAMES BENNING: FIRE & RAIN

Wie erfüllt man die Vorgabe, etwas nur eine Minute dauern zu lassen, wenn man doch in Wahrheit zehn Mal so lange warten müsste? Man kocht es ein. «I took the steel rolling process that takes about ten minutes», schreibt James Benning über FIRE & RAIN, «and condensed it down to one minute by cutting out portions and hiding the ellipses in time with dissolves.»

Das Einschmelzen nimmt James Benning also wörtlich, wenn er in einem Stahlwerk im Ruhrgebiet die Verarbeitung von glühendem Metall verfolgt. Doch Benning, selbst aus der Industrieregion Milwaukee stammend, zeigt nicht die harte menschliche Arbeit, sondern – wie in fast allen seinen langen Dokumentarfilmen – die Bewegung an sich: als Teil eines mechanisierten Arbeitsprozesses. Nachdem der glühende Stahl ein paar Mal wie ein Lichtstreifen durch das Bild gefahren ist, wird er von einem künstlichen Regen gelöscht – eine Dampfwolke setzt Bild und Bewegung ein Ende.

FIRE & RAIN ist als Miniatur zugleich ein Hinweis auf Bennings nächsten Film Ruhr, das Porträt einer Region im Strukturwandel. Denn für Benning vollzieht sich der Wandel einer Gegend oder gar eines ganzes Landes mitunter in einer einzigen Einstellung. Auch wenn sie nur eine Minute lang dauert.

 

 

JAMES BENNING: FIRE & RAIN

USA/A 2009, 1 Minute
35mm/1:1,85/Farbe, kein Dialog
Realisation: James Benning
Produktion: James Benning im Auftrag der Viennale
Weltrechte: Viennale, Siebensterngasse 2, 1070 Wien, T +43 1 526 59 47,
office@viennale.at
Weltvertrieb: Sixpack Film, Neubaugasse 45/13, 1070 Wien, T +43 1 526 09 90,
office@sixpackfilm.com

JAMES BENNING
Geboren 1942 in Milwaukee. Studiert Mathematik, danach Film an der Universität von Wisconsin. Seit den 70er Jahren ist er einer der herausragenden Vertreter des Avantgardefilms. Die Auseinandersetzung mit amerikanischen Landschaften nimmt in seinem Werk einen breiten Raum ein. James Benning lehrt am California Institute of the Arts.
Filme (Auswahl): 11 X 14 (1976), LANDSCAPE SUICIDE (1986), DESERET (1995), FOUR CORNERS (1997), UTOPIA (1998), EL VALLEY CENTRO (1999), LOS (2000), SOGOBI (2001), 13 LAKES (2004), TEN SKYS (2004), ONE WAY BOOGIE WOOGIE/ 27 YEARS LATER (2005), CASTING A GLANCE (2007), RR (2007), RUHR (2009), JOHN KRIEG EXITING THE FALK CORPORATION IN 1971 (2010), TWENTY CIGARETTES (2011).

V'08

JEAN-LUC GODARD: UNE CATASTROPHE

Um sichtbar zu machen, wie Geschichte funktioniert und warum die Menschheit, zum Schönen begabt, so bereitwillig an der (unschönen) eigenen Abschaffung arbeitet, muss man nur kurz die Perspektive wechseln. Das ist Jean-Luc Godards Trick: Er kann die Politik von der Kunst nicht trennen, weil er das eine im anderen wiedererkennt. Er zeigt, dass Hawks mit Marx zu tun hat und die Shoah mit Bach. UNE CATASTROPHE, Godards Trailer für die Viennale 2008, ist – in diesem Sinne – eine Arbeit äußerster Verdichtung, dabei aber völlig abgeklärt, als verfüge sie über alle Zeit der Welt.

Gehalten im Stil des Godard’schen Opus magnum, der HISTOIRES DU CINÉMA, führt die kunst- und filmhistorische Mini-Assemblage von einem dramatischen Augenblick aus Eisensteins PANZERKREUZER POTEMKIN (1925) über giftfarbene Videokriegsbilder zu einer in Superzeitlupe zerdehnten Kussszene aus der berühmten Berlin-Romanze MENSCHEN AM SONNTAG (1929). Im Ton dazu: das Stöhnen auf- und zuschlagender Tennisspielerinnen, ein plattdeutsches Liebesgedicht («Dat du min Leevsten büst») und der Beginn aus Robert Schumanns Klavierzyklus «Kinderszenen».

UNE CATASTROPHE ist resignativ, aber nicht ganz ohne Hoffnung: Die Liebe ist, vom Krieg aus gesehen, über die Abwege der Kunst in 63 Sekunden zu erreichen.

 

 

 

JEAN-LUC GODARD: UNE CATASTROPHE
F 2008, 1 Minute
35mm/1:1,33/Farbe
Realisation: Jean-Luc Godard
Produktion: Jean-Luc Godard im Auftrag der Viennale
Weltrechte: Viennale, Siebensterngasse 2, 1070 Wien, T +43 1 526 59 47,
office@viennale.at
Weltvertrieb: Sixpack Film, Neubaugasse 45/13, 1070 Wien, T +43 1 526 09 90,
office@sixpackfilm.com

JEAN-LUC GODARD
Geboren 1930 in Paris. Ethnologiestudium. Filmkritiker, später Mitinitiator und Hauptvertreter der Nouvelle Vague. Die Viennale widmete ihm 1998 eine Retrospektive.
Filme (Auswahl): À BOUT DE SOUFFLE (1959), LE MÉPRIS (1963), PIERROT LE FOU (1965), SAUVE QUI PEUT HLA VIEJ (1980), TOUT VA BIEN (1972, gemeinsam mit Jean-Pierre Gorin), FOR EVER MOZART (1996), THE OLD PLACE (1999), ELOGE DE L’AMOUR (2001), NOTRE MUSIQUE (2004), FOUR SHORT FILMS (2006), VRAI FAUX PASSEPORT (2006), REPORTAGE AMATEUR MAQUETTE EXPO HDOCUMENTARYJ (2006), TRIBUTE TO ÉRIC ROHMER HSHORTJ (2010), FILM SOCIALISME (2010).

V'07

JEM COHEN: A TALE OF TWO CITIES

Dass eine Stadt viele Gesichter habe, heißt es oft. Dass es darauf ankäme, wo genau man sich befinde, im Zentrum oder an der Peripherie, im dichten Verkehr oder in Parkanlagen, hoch über den Dächern oder gar unter der Erde. Das Bild jeder Stadt setzt sich eben aus unzähligen Einzelbildern zusammen, aus zufälligen Momentaufnahmen, vorgefertigten Perspektiven und unerwünschten Irritationen.

Jem Cohen, der seit mehr als zwanzig Jahren auf ein ständig anwachsendes Archiv von unterschiedlichen Stadtansichten, Straßenaufnahmen und Porträts zurückgreifen kann, hat in A TALE OF TWO CITIES Bilder seiner Heimatstadt New York und solche aus Wien in Verbindung gesetzt: Die Aufnahmen der beiden Städte, die auf den ersten Blick keinen Zusammenhang bilden, formen dabei eine buchstäblich neue Perspektive: Die offensichtlichen und bekannten Unterschiede von Architektur und Straßenbild werden zunehmend aufgehoben, die Orte – ein leerer Treppenaufgang hier, eine belebte Straße dort – tauschen miteinander Form und Eigenschaft.

Je ähnlicher sich die meist nächtlichen Bilder dabei werden, die lange Geschichte der beiden Städte für eine Minute zu einer gemeinsamen wird, desto eindringlicher irritieren weiße, leblose Gesichter: Aufgenommen im anatomischen Institut der Universität, blicken die toten Augen von Wien als stumme Zeugen auf ihre Betrachter zurück.

 

JEM COHEN: A TALE OF TWO CITIES

USA/A 2007, 1 Minute
35 mm/1:1,33/SW, kein Dialog
Realisation: Jem Cohen
Musik: Andy Moor
Produktion: Jem Cohen im Auftrag der Viennale
Weltrechte: Viennale, Siebensterngasse 2, 1070 Wien, T +43 1 526 59 47,
office@viennale.at
Weltvertrieb: Sixpack Film, Neubaugasse 45/13, 1070 Wien, T +43 1 526 09 90,
office@sixpackfilm.com

JEM COHEN
Geboren 1962 in Kabul, Afghanistan. Beginnt mit Installationen und Kurzfilmen, bevor er sich dem Experimental- und Dokumentarfilm zuwendet. Seine Arbeit verbindet Elemente aus Dokumentarfilm, Essayfilm und Musikvideo, wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und in die Sammlungen des MoMa und des Whitney Museums in New York aufgenommen. Jem Cohen lebt in New York.
Spielfilme: CHAIN (USA/D 2004), MUSEUM HOURS (A/USA 2012).
Dokumentarfilme: INSTRUMENT (mit und über Fugazi) und BENJAMIN SMOKE (in Co-Regie mit Peter Sillen). Darüber hinaus arbeitete er mit zahlreichen MusikerInnen wie Terry Riley, the Ex, Sparklehorse, Blonde Redhead, R.E.M., Elliott Smith, Godspeed You Black Emperor!, Miracle Legion, Jonathan Richman, Patti Smith, Vic Chesnutt, Stephen Vitiello und Gil Shaham with the Orpheus Orchestra zusammen.

V'06

LEOS CARAX: MY LAST MINUTE

Ein Akt, der Konzentration verlangt. Das Gesicht von Leos Carax scheint nach innen gekehrt, die Zigarette, die er sich ansteckt, erst die Bewegung auszulösen. Er dreht den Rücken zur Kamera und steuert den Platz vor dem Computer an. Dass das Zimmer mit brennenden Kerzen und getrockneten Sonnenblumen für einen speziellen Moment feierlich ausgestattet worden ist, könnte dem Betrachter fast entgehen. Die stimmungsvolle Atmosphäre aber wird er aufnehmen. Die wie aus weiter Ferne anklingenden Takte eines Chansons werden ihn ein wenig führen. Ein romantisches Rendez-vous. Aber mit wem? Der Blick über die Schulter von Carax auf die Arbeitssituation am Schreibtisch ist dann vergleichsweise profan. Alles geht seinen gewohnten Weg. Er setzt sich die Brille auf und beginnt zu schreiben. «tonight, I stop smoking», steht schließlich auf dem Monitor. Er setzt die Brille wieder ab, inhaliert noch einmal und tötet die Zigarette aus. Eine ironische Schlusszeremonie für ein Laster, das einen lange begleitet hat? Der Schnitt zur Schublade, in der ein Revolver wartet, erweitert die Situation schlagartig zum weitaus umfassenderen Akt der Auslöschung. Ein Schuss zerreißt den Ablauf. Das ist keine Pointe, sondern das Ereignis des Todes als radikal subjektive Form der Entwöhnung. Eine Sensation, charakteristisch für diese Welt der Turbulenzen, die Carax in seinen Filmen erforscht. Ein Nachbild: Super-8-Aufnahmen eines laufenden Kindes, am Monitor des Computers – Gespenster eines virtuellen Archivs.

LEOS CARAX: MY LAST MINUTE

F/A 2006, 1 Minute
35mm/1:1,37/Farbe
Konzept: Leos Carax
Schnitt: Laure Gardette
Ton: Hervé Guyader
Tonmischung: Emmanuel Croset
Produzenten: Albert Prévost, Olivier Jacob
Produktion und Weltvertrieb: Viennale, Siebensterngasse 2, 1070 Wien,
T+43 1 526 59 47, office@viennale.at

LEOS CARAX
Geboren 1960 im Pariser Vorort Suresnes als Alexandre Oscar Dupont. Regisseur, Kritiker und Schriftsteller. Auf eine Serie von Kurzfilmen folgte sein erster Langfilm BOY MEETS GIRL (1984), der in Cannes den «Prix de la jeunesse» gewann. Mit seinen darauffolgenden Film MAUVAIS SANG HDIE NACHT IST JUNGJ (1986) konnte er unter anderem auf der Berlinale Erfolge erzielen. Zu seinen weiteren Erfolgen zählt LES AMANTS DU PONT NEUF (1991). 1999 meldete sich Carax mit seinem kontroversen Film POLA X zurück. Leos Carax gilt als großer Einzelgänger und leidenschaftlicher Auteur des französischen Films. Weitere Filme: MAUVAIS SANG (1986), TOKIO! (2008), 42 ONE DREAM RUSH (2009), HOLY MOTORS (2012).

V'05

KEN JACOBS: INCENDIARY CINEMA

Das Bild auf der Leinwand flackert unruhig in einem zwar regel-, aber nicht gleichmäßigen Rhythmus. Zu sehen ist eine weiße, waagerechte, vibrierende Linie vor schwarzem Hintergrund. Zunehmend stärker wird sie, die Linie, dichter, dicker – sie «öffnet» sich, als wenn ein Bild erscheinen wolle, ein Fenster. Da teilt sich das Filmbild in zwei Hälften, eine obere und eine untere. Immer noch flackert es unruhig. Der Rhythmus verstört: schwarz/weiß schwarz/weiß weiß/schwarz etc. Abrupter Schnitt auf einen Spielplatz; vermutlich handelt es sich um Found-Footage-Material. Es wird farbig. Ton setzt ein: Kinderkreischen ist zu hören. Die Kamera schwenkt von einem mit Linien und unleserlicher Schrift versehenen Blatt nach oben, zeigt den von einem Gitter umzäunten Spielplatz. Kinder krabbeln im Sand. Erwachsene sitzen auf Bänken, passen auf. Eine eingezäunte Spielwiese. Ein Festival? Und schon wird es wieder abstrakt. Zum Schluss erscheint ein Kreis auf der Leinwand, wiederum heftig flackernd, unruhig pochend: schwarz weiß schwarz. Wie ein Herz, das pocht. Die Pupille eines Auges. Ein Loch, in das man beim Schauen fast hineingesogen wird. Das Flackern wird langsamer die Zahl der Schwarzkader erhöht. Und der Zuschauer merkt auf.

«Incendiary Cinema» das heißt soviel wie aufrührerisches, aufhetzendes Kino. Der Filmstreifen wird nicht brav bebildert, sondern, könnte man sagen, soll verstören, soll aufstören und beunruhigen, soll auch empfänglich machen für Bilder, das Sehen. Eine kleine, durchaus heilsame Bombe vor dem Hauptfilm.

KEN JACOBS: INCENDIARY CINEMA

USA/A 2005, 1 Minute
35 mm/1:1:37/ Farbe und Schwarzweiß
Konzept und Realisation: Ken Jacobs
Line Editing: Nisi Jacobs
Produktion und Weltvertrieb: Viennale, Siebensterngasse 2, 1070 Wien,
T +43 1 526 59 47, office@viennale.at

KEN JACOBS
Geboren 1933 in Brooklyn, New York. Besucht die High School of Industrial Arts in New York und studiert Malerei. 1959 dreht er seine ersten Kurzfilme und avanciert bald an der Seite von Jack Smith zu einem der führenden Protagonisten des Avantgardefilms («Urban guerilla cinema»). Gründet den Millenium Film Workshop in New York und unterrichtet in der Folge Filmwissenschaft an der St. Johns University. 1969 gründet er gemeinsam mit Larry Gottheim die Filmabteilung an der State University of New York in Binghamton.
Filme (Auswahl): LITTLE STABS AT HAPPINESS (1960), TOM, TOM, THE PIPER’S SON (1969), NEW YORK GHETTO FISH MARKET 1903 (1992), THE MARRIAGE OF HEAVEN AND HELL HA FLICKER OF LIFEJ (1995), STAR SPANGLED TO DEATH (1959/2003), RAZZLE DAZZLE HTHE LOST WORLDJ (2007), CAPITALISM: CHILD LABOR (2007), NYMPH (2007), GIFT OF FIRE: NINETEEN HOBSCUREJ FRAMES THAT CHANGED THE WORLD (2008), THE SCENIC ROUTE (2008), THE DISCOVERY (2008), SEEKING THE MONKEY KING (2011).

V'04

AGNÈS VARDA: VIENNALE WALZER

Ein erschöpfender, täuschend einfacher Essay zum komplizierten Verhältnis von Kino und wirklicher Welt in anderthalb Minuten. Ein blauer Kreisel dreht sich, nein, fünf bunte Kreisel drehen sich, auf einer spiegelnden Fläche mit einem Schmetterling, Ringelspieltöne weichen vertrauter Musik. Die Kamera schwenkt hoch, offenbart das regungslose Antlitz von Agnès Varda, auf die Bewegung hinunter blickend, und aus dem Off widersprechen ihre Gedanken den Strauß-Klängen, gleich doppelt, auf französisch und in sanft gebrochenem Deutsch: «Ah nein, nicht die Wiener Walzer … ich denke an Film, an das, was jeden Tag geschieht. Ich denke an Brot, an Salz, Erde, Korn, Brot, See, Salz.» Und es folgen die Bilder (und Klänge) zu diesen wesentlichen Dingen, eine kleine Abschweifung, in der jede Einstellung musikalisch in die nächste übergeht, und wo Zeit ist, einen zweiten Blick auf die Dinge zu werfen. Um sich zu versichern, und weil das Meer, das Brot, das Salz aus der Nähe betrachtet anders aussehen als aus der Ferne.

Aus einer trockenen braunen Scholle wird ein blühendes Feld, werden die Ähren, wird das Heu, wird ein Heuballen, dessen Rundung die Kamera spielerisch nachzeichnet. Das Brot, das Meer, das Salz … und ehe man sich versieht, endet der Gedankengang in einem Koan: «Wenn das Salz kraftlos geworden ist, womit soll es gesalzen werden?» Ein Schwenk von der leeren Salz-Scheibtruhe hinunter auf die Füße, wie um sich zu versichern, dass man noch auf dem Boden steht. Dann wieder das regungslose Gesicht. Es blickt hinunter. Ein rosa Kreisel liegt noch da, er hat inzwischen, während man im Kopf die Welt durchquert hat, längst aufgehört sich zu drehen.

AGNÈS VARDA: VIENNALE WALZER

F/A 2004, 2 Minuten
35mm/1:1,66/Farbe
Konzept und Realisation: Agnès Varda
Produktion und Weltvertrieb: Viennale, Siebensterngasse 2, 1070 Wien,
T +43 1 526 59 47, office@viennale.at

AGNÈS VARDA
Geboren 1928 in Brüssel. Studium der Kunstgeschichte. 1954 drehte sie ihren ersten Kurzfilm, LA POINTE COURTE, und wird zu einer der führenden Vertreterinnen der Nouvelle Vague. Ihre Filme sind stark von sozialen und politischen Anliegen geprägt. 2006 widmete die Viennale gemeinsam mit dem Österreichischen Filmmuseum Agnès Varda und ihrem Ehemann Jacques Demy eine große Retrospektive.
Filme (Auswahl): CLÉO DE 5 À 7 (1961), LE BONHEUR (1964), LIONS LOVE (1969), SANS TOIT NI LOI (1985), JACQUOT DE NANTES (1991), LES DEMOISELLES ONT EU 25 ANS (1993), LES GLANEURS ET LA GLANEUSE (2000), LES GLANEURS ET LA GLANEUSE… DEUX ANS APRÈS (2002), LE LION VOLATIL (2003), YDESSA, LES OURS ET ETC. (2003), CINÉVARDAPHOTO (2004), LES PLAGES D’AGNÈS (2008).

V'03

ERNIE GEHR: CARTE DE VISITE

Wolken ziehen vorüber: Als wollte er den Titel von Markus Allans hinreißendem Schluss-Tango in Aki Kaurismäkis gleichnamigem Film auf die Essenz und das Buchstäbliche reduzieren, ist in CARTE DE VISITE, Ernie Gehrs Viennale-Trailer, nichts anderes zu sehen. Es sind allerdings keine nette Wolken, die zu symbolischen Deutungen einladen, sondern giftig und ungesund anmutende Zusammenballungen. Der Hautausschlag des Himmels, ein undurchdringlicher, grauer Smog-Vorhang, der sich langsam und majestätisch am Blickausschnitt der Kamera vorbeischiebt. Zu Beginn kreischen noch ein paar Vögel, bald aber dominiert ein mächtiges Flugzeugmotorengeräusch, das in einem gewaltigen Crescendo immer lauter wird. Auf eine abschließende Schwarzblende folgt schließlich unverhofft die Ankündigung der Viennale.

Ein Trailer von bestechender Ruhe und Simplizität, würde man meinen. Ein zweiter Blick jedoch schließt weitere Dimensionen auf: Scheinen sich hier nicht, wie so oft bei Gehr, auf den ersten Blick noch ungeahnte, amorphe Formen zu manifestieren, die einander schillernd überlagern? Hat der kurz aufflammende, nostalgische Braunton bei Auf- und Abblende vielleicht etwas mit dem Titel zu tun? (Die «Carte de visite» war eine Mitte des 19. Jahrhunderts äußerst weit verbreitete, genormte Form der Porträt-Fotografie.) Und wird das Flugzeuggeräusch gegen Ende nicht schon wieder leiser? Steuert der Film gar nicht auf eine Ankunft zu, sondern, im Gegenteil, auf einen Abschied? Ist da ein Ereignis schnell vorübergehuscht, während man noch damit beschäftigt war, unter die Oberfläche der Bilder zu dringen, die Eindrücke auf der Tonspur zu ordnen, das Geheimnisvolle im scheinbar so Offensichtlichen zu entdecken?

Zwei Trailer in einem eigentlich, von bestechender Ruhe und Simplizität: eine Vorschau, ein Rückblick. Oder keins von beiden, wenn man es ganz genau nehmen will – vielmehr das Mittendrin.

ERNIE GEHR: CARTE DE VISITE

USA/A 2003, 1 Minute
35mm/1:1,66/Farbe
Konzept und Realisation: Ernie Gehr
Produktion und Weltvertrieb: Viennale, Siebensterngasse 2, 1070 Wien,
T +43 1 526 59 47, office@viennale.at

ERNIE GEHR
Geboren 1943 in New York. Seit 1967 Filmemacher. Seine Arbeiten werden weltweit gezeigt, u. a. im Centre Pompidou, Paris, in den Anthology Film Archives in New York und im Österreichischen Filmmuseum, Wien, sowie in Retrospektiven in Berlin, Rotterdam, Pesaro und San Francisco. Lebt ab 1988 in New York, danach in Kalifornien und lehrt am San Francisco Art Institute. Gehr arbeitet heute mit Film und Digital Video.
Filme (Auswahl): MORNING (1968), EUREKA (1974), SIGNAL – GERMANY ON THE AIR (1982–1985), FOR DANIEl (1997), COTTON CANDY (2002), WATERFRONT FOLLIES (2009).

V'02

STAN BRAKHAGE: SB

Nach den großen amerikanischen Avantgardisten Bruce Baillie und Jonas Mekas lud die Viennale in konsequenter Fortführung einer formidablen Idee einen weiteren radikalen Vertreter des experimentellen Films ein, den Trailer zum Festival zu gestalten. Stan Brakhage braucht gerade einmal 50 Sekunden um die Macht des Blickes in Frage zu stellen. Ohne Ton und handgemalt. Es beginnt infernalisch in Gelb-Rot, mit Verunreinigungsspuren, deren genaue Struktur auszumachen nicht genug Zeit bleibt, weil sich das Bild schneller ändert als ihm das Auge folgen kann. Es folgen ein Tanz der Farben, Formen, Fehler, in einer Geschwindigkeit, die der lyrischen Wirkung des Resultats zu spotten scheint. Farbflecken, rasend, mutierend: Brakhage montiert seine Bilder, die durchs hellste Licht und tiefste Dunkel führen, samt ihrer Entstehungsgeschichte. Davon erzählen die Stiftkratzer und Pinselstriche, die Siebdruckraster und Kopierfehler, die ganzen Störungen, die im Aufblitzen noch einmal eine eigene, widerborstige Erzählung in die berauscht pulsierenden Collage-Tapeten ritzen.

Es ist dieser frenetische Pulsschlag, der Brakhages explosive Miniatur zusammenzuhalten scheint: Sonst würde sie der Sog der potenziell unendlichen Information, die sich beständig vor dem Auge wandelt, wahrscheinlich zerstieben lassen. Die absolute Essenz von über einem Jahrhundert Kinogeschichte: Montage, Farbe, Licht. Und die sogenannte Handlung, das ist auch ein Vorteil, bleibt der Imagination des Publikums überlassen. Am Schluss dann: ein schnelles Aufatmen, ganz in Schwarz. Und sechs Kader einer flüchtigen Signatur, fast wie ein Verklingen: SB. Dieser Festival-Trailer ist eigentlich doch ein Tonfilm: ein Musikfilm, genau genommen.

Der Film, den Stan Brakhage für die Viennale gemacht hat, trägt als lakonischen Titel seine eigenen Initialen, SB, und ist Teil jener Filmarbeit der «handpainted films», die Brakhage immer wieder als spezifische Materialbearbeitung gewählt hat. Es ist ein stummes, farbiges Stück reinsten Rhythmus, eine freie, schwebende, leuchtende Folge von Bewegung und Farbe. Im Getöse des großen verschwenderischen Kinos war dieses kleine filmische Haiku ein besonderes Geschenk des großen Filmemachers Stan Brakhage.

STAN BRAKHAGE: SB

USA/A 2002, 1 Minute
35mm/1:1,66/Farbe
Konzept: Stan Brakhage
Realisation: Stan Brakhage
Produktion und Weltvertrieb: Viennale, Siebensterngasse 2, 1070 Wien,
T +43 1 526 59 47, office@viennale.at

STAN BRAKHAGE
Geboren 1933 in Kansas City, Missouri, gestorben 2003 in Victoria, British Columbia. Brakhage studierte am Institute of Fine Arts in San Francisco und begann 1952 Filme zu machen. Bald etablierte er sich als führender Vertreter des New American Cinema. In San Francisco und New York arbeitete er mit zahlreichen Avantgarde-Künstlern. 1970 begann er am School of the Art Institute of Chicago zu unterrichten. 1974 stellte er sein abstraktes Hauptwerk THE TEXT OF LIGHT fertig. 1986 ging er nach Boulder, Colorado, wo er bis zu seinem Tod unterrichtete. Sein Film DOG STAR MAN (1964) wurde 1999 von der US Library of Congress zum «Nationalen
Filmerbe» hinzugefügt.
Weitere Filme (Auswahl): THE ACT OF SEEING WITH ONE’S OWN EYES (1971), MURDER PSALM (1980), NIGHT MUSIC (1986), ELEMENTARY PHRASES (1994), KEEPERS OF THE FLAME (1999), THE GOD OF DAY HAD GONE DOWN UPON HIM (2000), DANCE, LOVE SONG, LOVE SONG 2, OCCAM’S THREAD (alle 2001), LOVE SONG 3, ASCENSION, LOVE SONG 5, LOVE SONG 6, DARK NIGHT OF THE SOUL, MICRO;GARDEN (alle 2002), STAN’S WINDOW, WORK IN PROGRESS, CHINESE SERIES, WATER FOR MAYA (alle 2003).

V'01

JONAS MEKAS: WIEN & MOZART, ELVIS

WIEN & MOZART

Am 19. Juli 1944 bestiegen mein Bruder Adolfas und ich einen Zug, der uns nach Wien bringen sollte. Statt dessen landeten wir in einem Arbeitslager in der Nähe Hamburgs. 1971, nach 27 Jahren im Exil, erlaubten mir die Sowjets, meine Mutter in Litauen wiederzusehen. Nachdem ich sie besucht hatte, beschloss ich, nach Wien zu fahren. Das war ein sehr wichtiger Augenblick in meinem Leben, als ich endlich in Wien ankam. Dort traf ich meine neuen Freunde Peter Kubelka, Hermann Nitsch, Arnulf Rainer. Auf dieser Reise, im August 1971, drehte ich dieses Material. Ich habe es behalten, wartete auf den richtigen Zeitpunkt, um es zu veröffentlichen. Ich habe mit meinen Filmen keine Eile. Dann kam eine Nachricht von Hans Hurch: Können Sie uns einen Trailer schicken? Da dachte ich, jetzt kann ich endlich meinen Wien-Film zeigen. Es ist mein Liebeslied an Wien. Ich habe Strauß dafür verwendet, weil das Musik ist, die jeder kennt. Man kann sie ignorieren, wenn man will, denn dieser kleine Film braucht eigentlich keine Musik, keinen Ton. Und, ah, ich erinnere mich noch immer an den Wein, den wir hinter diesem Hügel getrunken haben. (Jonas Mekas)

 

JONAS MEKAS: WIEN & MOZART

USA/A 2001, 1 Minute
35mm/1:1,66/Farbe
Konzept und Realisation: Jonas Mekas
Produktion und Weltvertrieb: Viennale, Siebensterngasse 2, 1070 Wien,
T +43 1 526 59 47, office@viennale.at

 

ELVIS

Ich hatte Glück, dass ich das Abschlusskonzert von Elvis im Madison Square Garden im Juni 1972 besuchen konnte. Normalerweise darf man keine Kameras zu den Konzerten mitbringen. Aber das Publikum und die ganze Veranstaltung waren so wild, dass niemand auf mich achtete. Über die Jahre schaute ich das Material immer wieder an. Und dann rief die Viennale an. Sofort dachte ich an mein Elvis-Material. Das einzige Problem war, dass ich nicht wusste, womit ich es akustisch unterlegen sollte. Ich versuchte alles und war nahe daran, aufzugeben. Da hörte ich zufällig einen Wiener Walzer im Radio. Das war es! Elvis und Strauß, was könnte besser sein als das? Oder lustiger? (Jonas Mekas)

 

JONAS MEKAS: ELVIS

USA/A 2001, 1 Minute
35mm/1:1,37/Farbe
Konzept und Realisation: Jonas Mekas
Produktion und Weltvertrieb: Viennale, Siebensterngasse 2, 1070 Wien,
T +43 1 526 59 47, office@viennale.at

JONAS MEKAS
Geboren 1922 in Seminiskiai, Litauen. Lebt seit 1949 in den USA. 1970 Mitbegründer des Anthology Film Archive in New York. Filme seit 1949, u.a. DIARIES, NOTES AND SKETCHES (1976), REMINISCENCES FROM A JOURNEY TO LITHUANIA (1971), HE STANDS IN A DESERT COUNTING THE SECONDS OF HIS LIFE (1985), SELF PORTRAIT (1990), BIRTH OF A NATION (1997), THIS SIDE OF PARADISE (1999), GIMME SOME TRUTH: THE MAKING OF JOHN LENNON’S IMAGINE ALBUM (2000), AS I WAS MOVING AHEAD OCCASIONALLY I SAW BRIEF GLIMPSES OF BEAUTY (2000), A LETTER FROM GREENPOINT (2005), 42 ONE DREAM RUSH (2009), WTC HAIKUS (2010), SLEEPLESS NIGHTS STORIES (2011) , CORRESPONDENCIA JONAS MEKAS / J.L. GUERIN
(2011).

V'00

MATTHIAS MÜLLER: BREEZE

Der Nachthimmel scheint zu schmelzen, nur einen Augenblick lang, erhitzt vom Licht des Filmprojektors, der den Spuren der Außenwelt seine Gewalt antut, der sie erst verinnerlicht, um sie anschließend abstrakt wieder nach außen zu werfen. Die Gewebe, die unbeschriebenen Stoffe geraten in Bewegung, in Unruhe versetzt von einer Brise aus dem Off, dem Jenseits des Bildes. Ein Spalt klafft auf im Bühnenvorhang, und eine weibliche Gestalt tritt vor, ein wenig scheu, mit toten Augen, als Negativphotographie, als «moving picture»: die anonyme Heldin eines Films, zur Aufführung bereit. Die Vorhänge und die Leinwände flattern im Wind und in der Tonspur, flackern im Puls des Lichts und der Montage: Fremde, gesichtslose Figuren, Wiedergänger einer längst vergangenen Kultur, erscheinen als Schemen, Silhouetten, vom Kino belichtet und verflacht, melodramatische Illusionen in 2-D. Und das Augenpaar einer Film-Diva, größer als das Leben selbst, richtet den Blick auf ein dunkles, unscharfes Gebiet, von dem es eigentlich nichts wissen dürfte, als wollte es bis auf die imaginäre andere Seite der Leinwand sehen.

Eine Minute Film als lyrisches Kondensat von 105 Jahren Kinogeschichte, sechzig Sekunden zaubertönender Assoziationsfilm um barfüßige Gräfinnen und rote Märchenschuhe, um «cat people» und «drama queens»: Alles fließt, wallt, weht, die Räume und Gesichter schillern in Nachtblau und Zartrosa, in Milchweiß, Nebelgrau und Sepia. Eine Schauspielerin, deren bewegtes schwarzweißes Lichtbild sich wie trocknendes Papier wellt, zieht den Vorhang wieder zu, entzieht sich den Blicken, die nach ihr greifen, die sie vereinnahmen, einnehmen, mit ihrer Lust zu vernichten drohen. Dem Entzug wird die Hingabe folgen, der Selbstverweigerung die Inszenierung: Eine Performance steht an, und der Voyeur, namenlos auch er, sitzt schon bereit, während sich hinter ihm der Vorhang öffnet und jene leere weiße Fläche freigibt, die sehnsüchtig auf Inschrift wartet, auf die gestaltlosen, fantasmatischen Botschaften, die die Projektion ihr einschreiben wird. Das Kino, aus der Ferne betrachtet, zugleich ganz nah, ganz gegenwärtig: ein Memo Book der gespenstischen Erotik filmischer Überwältigungsmöglichkeiten.

 

 

MATTHIAS MÜLLER: BREEZE

D/A 2000, 1 Minute
35mm/1:1,66/Farbe
Konzeption, Kamera und Realisation: Matthias Müller
Schnitt: Tom Mayer
Musik: Achnbach
Tonmischung: Dirk Schaefer
Produktion und Weltvertrieb: Viennale, Siebensterngasse 2, 1070 Wien,
T +43 1 526 59 47, office@viennale.at

MATTHIAS MÜLLER
Geboren 1961 in Bielefeld. Studiert Kunst und Germanistik in Bielefeld, danach Kunst an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig. Seit 1994 unterrichtet  er, u.a. an der Fachhochschule Dortmund. Zahlreiche preisgekrönte (Kurz-)Filme, darunter WANDERER IM NEBELMEER (1984), AUS DER FERNE / THE MEMO BOOK (1989), HOME STORIES (1990), SLEEPY HAVEN (1993), ALPSEE (1994), STERNENSCHAUER (1994), VACANCY (1998), PHOENIX TAPES (Co-Regie,  1999), NEBEL (2000).
Weitere Filme (Auswahl): PHANTOM (2001), BEACON (2002), MANUAL (2002/03), PLAY (2003), MIRROR (2003/04), ALBUM (2004), KRISTALL (2006), CONTRE-JOUR (2009), MAYBE SIAM (2009), METEOR (2011).

 

V'99

PETER TSCHERKASSKY: GET READY

Um zu beweisen, dass das Kino ein erstklassiges Medium für beides, für den Müßiggang und die Raserei ist, braucht dieser kleine Film, eine Revision gefundener Spielfilmeinstellungen, nicht einmal sechzig Sekunden. Eine kunstvoll komponierte Idylle am Meer, ereignislos, wie ein Bild aus einem Traum, fährt Tscherkassky hoch zu einer nächtlichen Geisterfahrt, eine stark befahrene Straße entlang, durch flimmernde Schwarz- und Weiß- Wechsel, dem gleißenden Licht eines Autoscheinwerfers (oder auch: eines Projektors) entgegen. Im Off klappert anfangs noch eine Schreibmaschine, ferne Vogelstimmen und entspannte Musik begleiten den ruhigen Schwenk der Kamera.

Dann setzt der Verfall ein und mit ihm die Beschleunigung. Die Szene, vom Filmemacher raffiniert beschädigt, beginnt sich einzunebeln, ein aus der Bahn gekipptes Laufbild setzt die Heldin in Gang und ihren Wagen in Bewegung. Es gibt ein Leben gegen den Mainstream: In der Verweigerung der vorgeschriebenen Fahrtrichtung liegt die Schönheit des Chaos, in der radikalen Bewegung von Objekten, Körpern und Sinnen liegt die ganze Macht des Kinos. In der Beschichtung der Bilder, die Tscherkassky produziert, ist Adrenalin in großen Mengen gefunden
worden.

PETER TSCHERKASSKY: GET READY

A 1999, 1 Minute
35 mm/1:1,66/Schwarzweiß
Konzept und Realisation: Peter Tscherkassky
Musik: Kiawasch Saheb-Nassagh
Produktion und Weltvertrieb: Viennale, Siebensterngasse 2, 1070 Wien, T +43 1 526 59 47, office@viennale.at

PETER TSCHERKASSKY
Geboren 1958 in Wien. Gründungsmitglied von Sixpackfilm. Zahlreiche Publikationen zu Geschichte und Theorie des avantgardistischen Films. 1993/94 künstlerischer Leiter der Diagonale. Unterrichtet Film in Wien und Linz. Konzeptionelle und kuratorische Arbeit bei zahlreichen Festivals. Eigene Filme seit 1979.
Filme (Auswahl): ADERLASS (1981), MANUFRAKTUR (1985), SHOT;COUNTERSHOT (1987), TABULA RASA (1987/89), PARALLEL SPACE: INTER;VIEW (1992), HAPPY;END (1996), L’ARRIVÉE (1997/98), OUTER SPACE (1999), DREAM WORK (2001), INSTRUCTIONS FOR A LIGHT AND SOUND MACHINE (2005), NACHTSTÜCK HNOCTURNEJ (2006), COMING ATTRACTIONS (2010).

V'98

BRUCE BAILLIE: PIETÀ

Drei Bilder, drei längere farbenprächtige Einstellungen mit den schwarzen Silhouetten spielender Kinder, eines dichten Vogelschwarmes und einer ihr Baby stillenden Mutter, alle gefilmt im letzten Licht der Abenddämmerung. PIETÀ ist ein kinematographischer Haiku, der mit seinen ebenso wunderschönen wie alltäglichen Bildern scheinbar die schiere Lust an Welt und Leben zum Ausdruck bringen möchte, zugleich aber alles in eine tief melancholische Stimmung taucht.

Es sind sehnsüchtige Bilder, die das Kino hier wirft und evoziert, das unterstreicht auch der Einsatz der todtraurigen Mahler-Musik, der man wiederum auch ein Quentchen Ironie abhören kann.

PIETÀ enthält im Keim eine heute wohl mehr als fragwürdige Utopie: jene eines glücklichen und natürlicheren Lebens abseits von Zivilisation und Gesellschaft. Baillies Bilder haben für uns leicht etwas Klischeehaftes; ihr Symbolcharakter ist jedoch nicht über zu bewerten, vor allem dann nicht, wenn wir die Idee des (filmischen) Haikus ernst nehmen. Denn nach Barthes will der Haiku nichts sagen, will der westlichen Interpretationsmanie gerade entgehen. Er beschreibt nicht, sondern versucht vielmehr, fragile Essenz der Erscheinung zu sein, buchstäblich unfassbare (wenngleich alltägliche) Augenblicke zu fassen. Das Ereignishafte wie das Persönliche an den Bildern Baillies ist im Blick zu behalten: Schließlich ist es seine Familie, seine Welt, die er uns zeigt. An die Naivität und die Verwundbarkeit solcher Bilder knüpft sich die leise Hoffnung, dass sie im Kino (nicht nur als Spot) heute noch möglich sind.

BRUCE BAILLIE: PIETÀ

USA/A 1998, 1 Minute
Super-VHS (transferiert auf 35mm)/ 1:1,66/Farbe
Regie, Kamera, Schnitt: Bruce Baillie
Musik: Gustav Mahler
Produktion: Viennale, Siebensterngasse 2, 1070 Wien, T +43 1 526 59 47, office@viennale.at
Weltvertrieb: Bruce Baillie, 669 West Kodiak Avenue, Camano Island, WA 98292, USA, T 360 387 10 81, F 360 629 31 39

BRUCE BAILLIE
Geboren 1931. Filmstudium u.a. an der London School of Film Technique. 1960 entsteht sein erster Film ON SUNDAYS, 1961 gründet er die Firma Canyon Cinema. Baillie war neben Brakhage oder Anger einer der wichtigsten Filmemacher der amerikanischen Avantgarde der 60er Jahre. In Filmen wie MASS FOR THE DAKOTA SIOUX (1964) oder QUIXOTE (1964-1965, rev. 1967) war ihm, über den persönlichen Ausdruck hinaus, ein kritischer Diskurs zur amerikanischen Zivilisation und Politik ein zentrales Anliegen.
Filme (Auswahl): DAVID LYNN’S SCULPTURE (1961), HAVE YOU THOUGHT OF TALKING TO THE DIRECTOR? (1962), A HURRAH FOR SOLDIERS (1962/63), TUNG (1966), CASTRO STREET (1966), ALL MY LIFE (1966), STILL LIFE (1966), QUICK BILLY (1970), ROSLYN ROMANCE HIS IT REALLY TRUE?J: INTRO. I & II (1978), THE CARDINAL’S VISIT (1980), DR. BISH REMEDIES (1978), THE P;38 PILOT (1990).

V'97

MARTIN ARNOLD: PSYCHO

Der Trailer zeigt eine einminütige Einstellung eines Duschkopfes, der – zentral in die Bildmitte gesetzt – beinahe die gesamte Leinwand ausfüllt. Aus dieser ornamental wirkenden, metallenen, runden Dusche fließt plötzlich laut strömendes Wasser, das akustisch bald von einer düsteren Musikphrase überlagert wird. Diese lässt spätestens dann, wenn auch noch der Schrei einer weiblichen Stimme einsetzt, vermuten, dass es sich hier um die Dusche in Hitchcocks PSYCHO handeln könnte. Doch vor jeder weiteren Möglichkeit, darüber Gewissheit zu erlangen, wird das Wasser im Bild abrupt wieder abgedreht und mit ihm das verwirrende Geschehen auf der Tonebene zum Verstummen gebracht.

Indem Martin Arnold diesen Ausschnitt aus dem mittlerweile Geschichte gewordenen Film Hitchcocks auswählte und mit den Möglichkeiten digitaler Retusche umgeschrieben und neu komponiert hat, führt er uns mit diesem Spot ein kurzes, aber dichtes Stück zeitgenössischer Ästhetik vor Augen. Diese ist vor allem der Verdichtung und Auslassung verpflichtet, durch die hier nicht nur die filmische Narration auf jeder ihrer Ebenen als kinematographische und ästhetische Inszenierung sichtbar gemacht wird, sondern mit der man gerade durch die auflösende Neubearbeitung der traditionellen filmischen Formen auch Spannung, Erregung und Lust erzeugen kann.

MARTIN ARNOLD: PSYCHO

A 1997, 1 Minute
35 mm/1:1,66/Schwarzweiß
Konzept, Bearbeitung und Realisation: Martin Arnold
Produktion: Martin Arnold für Viennale
Weltvertrieb: Martin Arnold, Staudgasse 72/23, 1180 Wien, T+F +43 1 403 69 54

MARTIN ARNOLD
Geboren 1959 in Wien; Studium der Psychologie und Kunstgeschichte an der Universität Wien; seit 1988 Filmemacher; 1995 Gastprofessor an der University of Wisconsin in Milwaukee; 1996–1997 Gastprofessor am San Francisco Art Institute; 1998/99 Gastprofessor an der Academy of Fine Arts in Frankfurt a. M.; lebt und arbeitet in Wien. Martin Arnold ist einer der profiliertesten Filmemacher Österreichs im Bereich des strukturellen/experimentellen Kurzfilms. Seine Arbeiten waren immer schon sehr klar strukturiert und konzeptionell orientiert, arbeiteten mit den Rhythmen von Fast Forward und Rewind.

Filme (Auswahl): O.T.1 (1985), O.T.2 (1986), PIÈCE TOUCHÉE (1989), REMISE (1993), JESUS WALKING ON SCREEN (1993), PASSAGE À L’ACTE (1993), IN FUTURUM (1994), BRAIN AGAIN: SPOT (1994), DON’T / DER ÖSTERREICHFILM (1996), ALONE. LIFE WASTES ANDY HARDY (1998), DEANIMATED (2002), JEANNE MARIE RENÉE (2002), SHADOW CUTS (2010).

V'96

GUSTAV DEUTSCH: FILM IST MEHR ALS FILM

«Film» ist das Wort, bildfüllend, weiß auf grün, stumm. Dann beginnen die Dinge sich zu bewegen, Schriften zu rollen und die Eindrücke zu prasseln: mehr allerdings in die Gehörgänge als in Richtung Netzhaut, obwohl man da immer wieder, ganz kurz nur, ein Auge sehen kann, alleingelassen und «bigger than life»: ein zerlegter Mensch – und ein Film für die Ohren. Das Kino folgt, nicht nur bei Deutsch und nicht nur manchmal, einer verqueren Logik.

24 Begriffe, zur Ohren- und Augen-Nahversorgung Kino assoziiert, 24 Zweisekünder als Minimalfilme über die audiovisuelle Kunst: «Erinnerung» steht da zu lesen, während ein emtionsschwangeres Orchester-Kürzel alle Rückblenden der Filmgeschichte vertritt, für die Propaganda wirbelt eine kriegerische Trommel kurz, und zum Insert «Sprache» fällt einer unbekannten Stimme, sehr zu Recht, Godard ein. Die Leidenschaft ist ein knapper Dialog unter Kinoliebenden und Licht & Finsternis schließlich nur eine Salve trockener Revolverschüsse. Das Kino ist ein Schlachtfeld und eine «amour fou», die Zeit zwischen zwei Lidschlägen oder auch: das künstlich abgegrenzte Gebiet zwischen zwei Pfeiftönen.
Ein Werbefilm, vielleicht, aber einer, der sein Werbeziel hinter sich lässt, weil er in ein paar Sekunden tausend Aspekte des Filmschauens, Filmhörens und Filmliebens in eine Nussschale packt: die komprimierte Cinéphilie.

 

GUSTAV DEUTSCH: FILM IST MEHR ALS FILM

A 1996, 1 Minute
35 mm/1:1,66/Farbe
Idee und Realisation: Gustav Deutsch
Kamera: Georg Eisnecker
Tonschnitt: Dietmar Schipek
Titel: Blow Up Trickfilm
Darstellerin: Regina Schlagnitweit
Produktion: Viennale/Gustav Deutsch, Morizgasse 7/19, 1060 Wien, T + 43 1 596 20 91, F + 43 1 596 20 91
Weltvertrieb: Gustav Deutsch

GUSTAV DEUTSCH

Geboren 1952 in Wien. Zeichnungen seit 1963, Musik seit 1964, Fotografie seit 1967, Architektur seit 1970, Video seit 1977, Film seit 1981, Aktionen seit 1983 in Österreich, Frankreich, Deutschland, Luxemburg, England, Marokko, Griechenland und Türkei.
Filme (Auswahl): ASUMA (1984), WOSSEA MTOTOM (1986), ADRIA, URLAUBSFILME 1954-68 (1990), WELT/ZEIT 25.812 MINUTEN (1990), AUGENZEUGEN DER FREMDE (1993), 55/95 (1994), MARIAGE BLANC (1996), FILM IST (1-6) (1998), FILM IST. (7-12) (2002), WELT SPIEGEL KINO (2005), FILM IST. A GIRL & A GUN (2009).

V'95

GUSTAV DEUTSCH: FILM SPRICHT VIELE SPRACHEN

Aus 21 von 39 Fragmenten eines indischen Spielfilms mit französischen und arabischen Untertiteln wird eine einminütige Geschichte (re)konstruiert. Sie besteht aus vier Teilen, die den vier Schauplätzen der Filmfundstücke entsprechen – 1-Pferdekutsche, 2-Swimmingpool, 3-Tankstelle, 4-Bar – und die Themenbereiche 1-Liebe, 2-Eifersucht, 3-Verbrechen, 4-Geschäft behandeln.

Die vorgefundenen Längen der «Objets trouvés» wurden beibehalten, die Fragmente jedoch neu gereiht und durch neutrale Einsatzstücke von jeweils einem Kader in einer monochromen Farbe getrennt. Jedem der vier Kapitel ist eine koloristische Nuance und ein Wort zugeordnet.

Die Farben sind: 1-orange, 2-türkis, 3-violett, 4-blau, die Worte lauten: 1-FILM, 2-SPRICHT, 3-VIELE, 4-SPRACHEN. Diese Begriffe sind leinwandfüllend in weiß auf den jeweiligen Farbhintergrund gesetzt. An den Filmfundstücken wurden keine technischen Korrekturen vorgenommen; man sieht sie mit all ihren Beschädigungen und Verschmutzungen in der gesamten Breite mit Lichttonspur und Perforation als Filmobjekt. Die Geschichte des Filmfundstücks wird zu einem Symbol für die Geschichte des Films. Film spricht viele Sprachen und ist doch, bei aller Fremdartigkeit der verschiedenen Idiolekte, ein universell verständliches Kulturgut. Gustav Deutschs Arbeit kann als Reminiszenz und Hommage an die Geschichte(n) des Films und des Kinos verstanden werden – unter besonderer Berücksichtigung des Landes mit der weltweit größten Filmproduktion.

 

GUSTAV DEUTSCH: FILM SPRICHT VIELE SPRACHEN

A 1995, 1 Minute
35 mm/1:1,66/Farbe
Montage: Gustav Deutsch
Produktion und Weltvertrieb: Gustav Deutsch, Morizgasse 7, 1060 Wien, T +43 1 596 20 91, F+ 43 1 596 20 91

GUSTAV DEUTSCH
Geboren 1952 in Wien. Zeichnungen seit 1963, Musik seit 1964, Fotografie seit 1967, Architektur seit 1970, Video seit 1977, Film seit 1981, Aktionen seit 1983 in Österreich, Frankreich, Deutschland, Luxemburg, England, Marokko, Griechenland und Türkei.
Filme (Auswahl): ASUMA (1984), WOSSEA MTOTOM (1986), ADRIA, URLAUBSFILME 1954-68 (1990), WELT/ZEIT 25.812 MINUTEN (1990), AUGENZEUGEN DER FREMDE (1993), 55/95 (1994), MARIAGE BLANC (1996), FILM IST. (1-6) (1998), FILM IST. (7-12) (2002), WELT SPIEGEL KINO (2005), FILM IST. A GIRL & A GUN (2009).

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