V’17: OCTOBER 19 – NOVEMBER 2, 2017

Festivalarchiv 03

Festivalinfo

277 Vorstellungen. 302 Filme. 77 Filmgäste. 560 Akkreditierte. 1 Verlängerungstag und 75.200 Zuschauerinnen und Zuschauer.

LUST AUF NEUES

Bei keinem Filmfest der Welt setzt so intensiv ein Gefühl von Experiment und Subversion - die Lust auf Neues - ein. (Fritz Göttler, Süddeutsche Zeitung)

Dass sich diese Lust auf Neues auch beim Publikum einstellte, bewiesen die BesucherInnenzahlen auch der weniger populären Filme. Viele der diesjährigen Publikumsfavoriten waren weniger erwartbar und dafür umso erfreulicher, wie etwa die große Neugier auf aktuelle Filme des „world cinema“ von Island bis Süd-Korea, wobei heuer im Programm deutlich ein USA(kritischer)-Schwerpunkt zu spüren war.

PREMIEREN
Folgende Uraufführungen und internationale Premieren waren im Rahmen der Viennale 03 zu sehen:
KENEDI SE VRACA KUCI (Zelimir Zilnik), SHANG SHAN (Zhu Chuanming), JAMES BENNING – CIRCLING THE IMAGE (Reinhard Wulf), HANDBIKEMOVIE (Martin Bruch), DOMESTIC VIOLENCE 2 (Frederick Wiseman), THE CEDAR BAR (Alfred Leslie), LOS ANGELES PLAYS ITSELF (Thom Andersen), AWAKE AND SING (Lee Anne Schmitt), IL MARE E LA TORTA Edgar Honetschläger), DIE VERWANDLUNG DES GUTEN NACHBARN (Peter Nestler).

TRIBUTES & SPECIAL PROGRAMS
Die Tributes waren 2003 dem amerikanischen Dokumentarfilmer Emile De Antonio, dem Schauspieler Warren Beatty sowie dem Münchner Plattenlabel ECM und dessen Beitrag zur kinematografischen Kultur, gewidmet.

 

Trailer

ERNIE GEHR: CARTE DE VISITE

Wolken ziehen vorüber: Als wollte er den Titel von Markus Allans hinreißendem Schluss-Tango in Aki Kaurismäkis gleichnamigem Film auf die Essenz und das Buchstäbliche reduzieren, ist in CARTE DE VISITE, Ernie Gehrs Viennale-Trailer, nichts anderes zu sehen. Es sind allerdings keine nette Wolken, die zu symbolischen Deutungen einladen, sondern giftig und ungesund anmutende Zusammenballungen. Der Hautausschlag des Himmels, ein undurchdringlicher, grauer Smog-Vorhang, der sich langsam und majestätisch am Blickausschnitt der Kamera vorbeischiebt. Zu Beginn kreischen noch ein paar Vögel, bald aber dominiert ein mächtiges Flugzeugmotorengeräusch, das in einem gewaltigen Crescendo immer lauter wird. Auf eine abschließende Schwarzblende folgt schließlich unverhofft die Ankündigung der Viennale.

Ein Trailer von bestechender Ruhe und Simplizität, würde man meinen. Ein zweiter Blick jedoch schließt weitere Dimensionen auf: Scheinen sich hier nicht, wie so oft bei Gehr, auf den ersten Blick noch ungeahnte, amorphe Formen zu manifestieren, die einander schillernd überlagern? Hat der kurz aufflammende, nostalgische Braunton bei Auf- und Abblende vielleicht etwas mit dem Titel zu tun? (Die «Carte de visite» war eine Mitte des 19. Jahrhunderts äußerst weit verbreitete, genormte Form der Porträt-Fotografie.) Und wird das Flugzeuggeräusch gegen Ende nicht schon wieder leiser? Steuert der Film gar nicht auf eine Ankunft zu, sondern, im Gegenteil, auf einen Abschied? Ist da ein Ereignis schnell vorübergehuscht, während man noch damit beschäftigt war, unter die Oberfläche der Bilder zu dringen, die Eindrücke auf der Tonspur zu ordnen, das Geheimnisvolle im scheinbar so Offensichtlichen zu entdecken?

Zwei Trailer in einem eigentlich, von bestechender Ruhe und Simplizität: eine Vorschau, ein Rückblick. Oder keins von beiden, wenn man es ganz genau nehmen will – vielmehr das Mittendrin.

ERNIE GEHR: CARTE DE VISITE

USA/A 2003, 1 Minute
35mm/1:1,66/Farbe
Konzept und Realisation: Ernie Gehr
Produktion und Weltvertrieb: Viennale, Siebensterngasse 2, 1070 Wien,
T +43 1 526 59 47, office@viennale.at

ERNIE GEHR
Geboren 1943 in New York. Seit 1967 Filmemacher. Seine Arbeiten werden weltweit gezeigt, u. a. im Centre Pompidou, Paris, in den Anthology Film Archives in New York und im Österreichischen Filmmuseum, Wien, sowie in Retrospektiven in Berlin, Rotterdam, Pesaro und San Francisco. Lebt ab 1988 in New York, danach in Kalifornien und lehrt am San Francisco Art Institute. Gehr arbeitet heute mit Film und Digital Video.
Filme (Auswahl): MORNING (1968), EUREKA (1974), SIGNAL – GERMANY ON THE AIR (1982–1985), FOR DANIEl (1997), COTTON CANDY (2002), WATERFRONT FOLLIES (2009).

Gäste

Die Viennale begrüßte 77  Filmgäste beim Festival, die allesamt vor bzw. nach dem Screening ihrer Filme für Publikumsfragen zur Verfügung standen. Darunter waren:
 

SOFIA COPPOLA
Der Eröffnungsfilm der Viennale 2003, LOST IN TRANSALTION wurde in Anwesenheit der Regisseurin, Sofia Coppola, gezeigt. Nach ihrem grandiosem Debut THE VIRGIN SUICIDES wurde ihr zweiter Film weltweit ebenso postiv von Kritik und Publikum aufgenommen (und bescherte ihr wenige Monate später einen Oscar für das Beste Drehbuch, und weitere drei Nominierungen - darunter 'Bester Film'.)
Valeria Bruno-Tedesci, Viennale 2003 VALERIA BRUNI-TEDESCHI

Seit Mitte der 80er Jahre hat Valeria Bruni-Tedeschi in über 30 Filmen als großartige Schauspielerin mitgewirkt. Gleich nach ihrer Schauspielausbildung am Thèatre des Amandiers, spielte sich die 1964 in Turin geborene Italo-Französin in Patrice Chèreaus HERZ. Mit HOTEL DE FRANCE (1987, Patrice Chèreau) und OUBLIE-MOIO (1995, Noemie Lvosvsky) spielte sie sich auch in die Köpfe des Publikums und der Kritiker.

Bei der Viennale 2003 zeigte Bruni-Tedeschi ihr beachtliches Regiedebut IL EST PLUS FACILE POUR UN CHAMEAU. Der autobiographisch angehauchte Film über das Leben einer überprivilegierten italienischen Unternehmenstochter in Frankreich erhielt zahlreiche Preise.

RITHY PANH

Der kambodschanische Regisseur Rithy Panh, geboren 1964 in Phnom Penh, lebt zur Zeit in Frankreich. Vier Jahre verbrachte er in einem Khmer Rouge Arbeiterlager und flüchtete 1979 nach Thailand, bevor er 1980 nach Paris kam um dort schließlich die French National Cinema School zu absolvieren.  Seine Dokumentationen (unter anderem SITE II, LAND OF THE WANDERING SOULS) haben unzählige Preise gewonnen. Die Viennale 2003 zeigte seine Arbeit, S21, LA MACHINE DE MORD KHMÈRE ROUGE, welche ihn an einen der Völkermord-Schauplätze der 70er Jahre zurückbrachte.

 

Sujet

Sujet der Viennale 2003
Konzept und Realisation: Rainer Dempf
© Viennale

Photos

Sehen Sie hier eine Auswahl der schönsten Gäste- und Festivalfotos der Viennale 2003.

Rahmenprogramm

Zahlreiche Events fanden während den 13 Festvialtagen an diversen Locations der Viennale statt. Hier einige Highlights:

Tomasz Stanko & Gianluigi Trovesi, Viennale 2003KONZERT: TOMASZ STANKO & GIANLUIGI TROVESI
LITANIA, das Konzert vom Tomasz Stanko Quartet & Gianluigi Trovesi, das am 23. Oktober 2003 im Gartenbau Kino stattfand, bildete ohne Zweifel einen der Höhepunkte des Festivalprogramms. Der polnische Jazz- Trompeter Tomasz Stanko, der als Wegbereiter des europäischen Jazz in den frühen 60ern gesehen wird, präsentierte erstmalig in Österreich samt Band und dem legendären italienischen Klarinettisten Gianluigi Trovesi LITANIA- Music of Krysztof Komeda. Tomasz Stanko widmete das Konzert, das im Rahmen des Tributes „ECM und das Kino“ aufgeführt wurde, seinem musikalischen Vorbild Krzysztof Komeda.
Komeda, jener außergewöhnliche Komponist, der Roman Polanskis Filmen MESSER IM WASSER und ROSEMARY'S  BABY die besondere musikalische Note verpasste. Stanko interpretierte im Rahmen des Konzertes die Musik zu diesen Filmtiteln neu.
 

Serge Bozon, Viennale 2003MOVIE GOES MUSIC
In der Viennale Zentrale wurden an einem Abend auch internationale Filmemacher an die Plattenteller gelassen und das Publikum zeigte sich begeistert. Der französische Regisseur Serge Bozon, die US-Filmemacher Blue Hadaegh und Grover Babcock, die österreichische Regisseurin Andrina Mracnikar sowie der österreichische Filmemacher Timo Novotny, die kurzfristig für Jean-Marie Teno eingesprungen waren, heizten dem Publikum zeitweise ziemlich ein - und das Urania Dachgeschoß ziemlich auf.
Serge Bozon, der seinen Film MODS bei der Viennale präsentierte, zeigte sich als grandioser Entertainer: Durch und durch auf Mod getrimmt, wie eine Erscheinung aus einem anderen Jahrzehnt, präsentierte er seinen 60ies Garage Sound, der sogar die tanzmüdesten Wiener auf die Tanzfläche brachte.
Hermes Phettberg liest Charles Bukowski, Viennale 2003 HERMES PHETTBERG LIEST CHARLES BUKOWSKI

Begleitend zur Dokumentation BUKOWSKI: BORN INTO THIS von John Dullaghan fand in der Zentrale eine Lesung von Bukowski-Texten statt.

Hermes Phettberg, der keiner Erklärung bedarf, las - nach eigenen Angaben - schlecht aus den Werken des anderen „Dirty old man“, Bukowski.
Charles Bukowski (1920-1994), Kultautor und Poète maudit der amerikanischen Nachkriegsliteratur, war für seine Exzesse ebenso bekannt wie für seine literarische und lyrische Arbeit. Das Publikum war natürlich begeistert.

Diskussion im Viennale Zelt, Viennale 2003LOST IN PRODUCTION

Eine der wohl spannensten Diskussionsrunden des Festivals fand zum Thema Filmproduktion in Argentinien, Afrika und China statt.
Im Rahmen der Diskussion bot das Podium einen scharfsinnigen Blick hinter die Kulissen kreativer Produktionsmodelle, schwieriger Bedingungen und Fluchten nach vorn. Es diskutierten Eduardo Antin (Direktor Festival de Cine Independiente, Buenos Aires), Jean-Marie Téno (Regisseur und Produktionsleiter "Les Films du Rapha", Paris/Kamerun) sowie Bérénice Reynaud (California Institute of Arts - School of Film/Video).

 

 

Filmpreis

STANDARD-VIENNALE-PUBLIKUMSPREIS

Der STANDARD-Viennale-Publikumspreis wurde 2003 erstmals vergeben:

LONG WAY HOME
Peter Sollett, USA 2002

Seit 2003 organisiert DER STANDARD den Preis der STANDARD-Publikumsjury. Die Juroren wählen aus den Festivalbeiträgen einen Film aus, der noch keinen Verleih in Österreich hat. Findet der ausgezeichnete Film in der Folge einen Vertrieb, unterstützt DER STANDARD den Filmstart mit kostenlosem Anzeigenraum in der Tageszeitung.

 

WIENER FILMPREIS

Im Jahr 2003 ging der Wiener Filmpreis an:

JESUS, DU WEISST
Ulrich Seidl, A 2003

Jury: Andrea Eckert (Schauspielerin), Franzobel (Autor), Constantin Wulff (Kurator, Filmemacher), Gerlinde Seitner (Österreichisches Filminstitut), Dominik Kamalzadeh (Journalist)
 

FIPRESCI PREIS

Im Jahr 2003 ging der FIPRESCI Preis an:

THE BROWN BUNNY 
Vincent Gallo, USA 2003

Besondere Erwähnung:
DEPUIS QU'OTAR EST PARTI
Julie Bertuccelli, B/F 2003

Jury: Cheuk-to Li (Hong Kong, Hong Kong Economic Times, Jurypräsident), Lisa Nesselson (Frankreich, Variety), Viliam Jablonický (Slowakei, Kino-Ikon, Teleplus), Chris Fujiwara (USA, freier Journalist), Christoph Huber (Österreich, Die Presse).

Top