materials: Anja Salomonowitz "Dieser Film ist ein Geschenk"

In "materials" we ask filmmakers to send us images, statements, stories, videos or quotes that were important for creating their work or are a documentation of it. 

Zu meiner dokumentarischen Strategie

Als die Kinder klein waren, ging ich viel in Ausstellungen. Viel mehr als sonst. Da ist es ruhig am Vormittag, da können sie im Tragesack schlafen und ich, ja, ich habe das Gefühl, ich bleibe total in der Welt und versinke nicht zwischen Breiangeboten im Babywahn. Und da gibt es immer diesen Film, dieses „Künstlerportrait“, vor dem die Babys besonders gut schlafen und ich vor allem sitzen kann. Und da fällt mir auf, dass dieser Film immer gleich gemacht ist und so eine Strickart hat, die nicht nach strukturellen Hintergründen fragt, also warum das eigentlich meistens Männer sind oder was die Mechanismen des Kunstmarktes sind und... ja, da war die Idee geboren, einen dieser Film nachzustellen mit lauter Menschen, die diese Voraussetzungen nicht haben, zum Beispiel ein Kind, das die Worte des Künstlers nachsagt und damit die Machart dieser Filme einfach nur zu entkleiden.

Daniel Spoerri zeigt sich fasziniert vom Weiterleben in der Veränderung. Alles ist ein ewiger Fluss, das Werden und Vergehen, auf den Tod folgt immer eine Wiedergeburt. Der Tod drückt sich in den banalsten Gegenständen unserer Welt aus, die so viel Herz in sich tragen und das Leben von Menschen, die gegessen und geliebt haben, miterzählen. Ich habe ihm die Kochlöffel von meinem verstorbenen Vater gebracht, weil er mit Küchenutensilien Bilder macht. Die dann weiterleben, an der Wand.

Dann hat mir Daniel Spoerri ein Bild geschenkt und ich wollte ihm einen Film zurück schenken. Im Entstehen dieses Films haben sich die Gedanken unwillkürlich verschränkt und auch die Idee, ein Kind die Worte nachsprechen zu lassen, hat einen neuen Sinn bekommen, denn es ist eine liebevolle Generationenfrage geworden. Die Idee, den Kreislauf des Lebens auf diese Art und Weise zu visualisieren, bekam ein Eigenleben, das man nur fühlen kann, wenn man den Film sieht.

Manches wusste Oskar bereits auswendig, weil wir es ihm vorab gegeben haben, manches hat er live am Set gehört und nachgesprochen. Und wenn er etwas vergisst oder verdreht, wenn die Worte sich durch Oskars mündliche Interpretation verändern, gehört das genauso dazu zum großen Prozess.

Mit meinem Kunstgriff versuche ich eine simple aber präzise Hinterfragung des Wortbestandes. Durch die Veränderung entsteht eine neue Lesbarkeit der Geschichten. Nuancen werden anders hörbar. Die Worte transformieren mit, denn in jeder Wiederholung liegt diese ganz eigene Transformation des Gesagten, also der Text geht durch das Kind durch und verändert sich. Das Gesagte wird mehrdeutiger.

Und noch mehr, wenn es dann um Daniels Geschichte und die Ermordung seines Vaters im Holocaust geht. Der 10-Jährige erzählt, dass er eben als 10-Jähriger knapp dem Tod entronnen und sein Vater verschwunden ist. Im Todeszug. Wie können wir heutzutage überhaupt Holocaust Geschichten erzählen, ohne dass sich „dieses Wiederholungsgefühl“ einstellt? Durch den Prozess der Reaktualisierung erfährt der tradierte Wortstamm eine neue Hörbarkeit. Durch das unerwartete Zusammenprallen mit der Gegenwart kann möglicherweise eine reflexive, überraschende Aufarbeitung stattfinden.

FEATURES DIESER FILM IST EIN GESCHENK