SUJETS DER VIENNALE 2019

Eine Viennale, die sich ändert und verjüngt: Das ist eine der Assoziationen, die das diesjährige Festival-Sujet nahelegt. Die Schlange, die sich erneuern kann, indem sie ihre alte Haut abwirft, wird seit der griechischen Antike mit heilenden Kräften assoziiert und ist daher im Äskulapstab als Symbol der Arzneikunde erhalten geblieben. Wir sehen in ihr die ehrwürdige Sehnsucht nach Wissen und Gelehrsamkeit symbolisiert, derentwegen sie oftmals in die Rolle eines unbequemen Antagonisten gedrängt worden ist, und wir befreien sie von dem Image der Heimtücke und Boshaftigkeit, das sich an sie geheftet hat.
In diesem Sinne beschwört die Schlange der Viennale ein Kino der Offenheit, das sich nach Entdeckungen sehnt: Ein Kino, das von den Manipulationen der Medien heilt. Dieses Kino ist mitreißend und faszinierend und hat die Fähigkeit, Sinne und Augen zu öffnen; vergleichbar der Schlange, die ihre Augen niemals schließt.
Die Schlange lässt auch in ihrer Form und ihrer Art der Bewegung an das Kino denken, mühelos assoziiert man sie mit dem abrollenden Filmstreifen. Mit ihrer Geschmeidigkeit, Wandelbarkeit und Unberechenbarkeit ist sie ein Subjekt in ständiger Verwandlung, und in der Lage, sich der Umgebung anzupassen sich auf die Umwelt einzustellen. In seiner grafischen Gestaltung und an der Oberfläche spielt das Sujet zudem mit unterschiedlichen Bewegungen, die sich in verschiedene Richtungen ausdehnen. Ein weiteres Leitmotiv: gegen die Ränder-Drängen, Räume-Erweitern, sich gegen jede Katalogisierung- Wehren.Diesen Spannungsimpuls auf jenes richtend, das außen, fern vom Zentrum und jenseits der Grenzen steht, haben wir ein Programm zusammengestellt, das unkonventionelle Intentionen erforscht, und das, um möglichst vielen Dingen auf den Grund gehen zu können, auf ausgewogene Weise sowohl etablierte als auch vielversprechende neue Autoren und Autorinnen und Filme aus verschiedenen ökonomischen
Kontexten einschließt.

Ein Still aus dem Film NUSJA DHE SHTETRRETHIMI (THE BRIDE AND THE CURFEW) von Kristaq Mitro und Ibrahim Muçaj – 1978 in einem Teil des kommunistischen Jugoslawien gedreht, der heute zu Albanien gehört – dient als Plakatmotiv der diesjährigen, in Kollaboration von Viennale und Filmmuseum entstandenen Retrospektive. Die Auswahl von etwa fünfzig Titeln aus ganz Europa ist einem Genre gewidmet, das nach dem Zweiten Weltkrieg als Resultat geopolitischer Spannungen jahrelang die nationale Kinoproduktion bestimmter Länder repräsentierte.
Diese Retrospektive hat also einen grundlegenden Teil unserer Geschichte zum Inhalt, und sie erzählt davon vermittels von Ideologien, aber auch mit Hilfe politischer Ideen: Ideen, die im Gegensatz zu jenen stehen, die das herrschende System erlaubt, Ideen, die den Geist des Antifaschismus feiern. O Partigiano! Pan-European Partisan Film präsentiert Filme – 35mm-Kopien aus den wichtigsten europäischen Filmarchiven –, die sich im Ton und in der Absicht unterscheiden, die aber heute mehr denn je der Notwendigkeit von Widerstand und Widerspruch neue Dringlichkeit verleihen können.