Special Program: Visual Justice

 

Dass wir tagtäglich visueller Ungerechtigkeit begegnen, ist unbestreitbar, führt man sich vor Augen, wie viele Bereiche menschlicher Erfahrung von keinerlei Bildern dokumentiert werden. Damit die Filmgeschichte nicht eine Geschichte des Ungleichgewichts und der Verfälschung bleibt, sind immer schon Filmemacher, Videofilmer und Künstler ins Meer der Verdinglichungen und verstümmelnden Archetypen, die das Kino praktiziert, eingetaucht und haben – oft unerbittliche und brillante – Analysen und Kritiken zurückgebracht. In dieser reichen Gegengeschichte – die der Gegenstand von „Visual Justice“ ist – kann man drei kritische Tendenzen ausmachen: Erstens das polemische Resümee, die Bilanz dessen, was eine Bilddisziplin an Schaden und Verletzendem produzieren kann. Zweitens die elaborierte visuelle Antwort auf die figurative Diffamierung des Motivs – eine dokumentierte Widerrede und Richtigstellung, die die ideologische Dimension der Bildherstellung bloßlegt. Drittens Beschreibungen und Aussagen, die in aller Freiheit jenseits von Polemik und Vorurteil getroffen wurden und ihre eigenen Formen, Ikonografien und Werte finden. Doch was wäre visuelle Gerechtigkeit? Wer könnte sie garantieren? Wer sie widerfahren lassen? Offene Fragen, auf die eine Antwort zu finden, jedeR BürgerIn gefordert ist. Sicher jedenfalls ist, dass sie nichts mit einer offiziellen Gesetzlichkeit zu tun hat, ebenso wenig wie die reale Gerechtigkeit mit dem Gesetz. 
In Anwesenheit von Nicole Brenez (Kuratorin).