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Viennale '22 Fischerleuchte

Über die V'22

Im Jahr 1960 rief eine Gruppe von Journalist:innen um Sigmund Kennedy, überzeugt von der Bedeutung des Films als Kunstform, ein Festival ins Leben, das für Kinoliebhaber:innen in Europa und anderswo bald Referenzcharakter haben sollte: die Viennale. Heuer, 2022, feiern wir ihre Neugier und Entdeckerlust, die bis auf drei Unterbrechungen (1961, 1983 und 1990) mit größter Hartnäckigkeit und Ausdauer unter unterschiedlichen künstlerischen Leitungen gepflegt wurden, zum sechzigsten Mal.

Die Geburtsstunde des Festivals fiel mitten in eine bleierne Zeit, in der es vielfach Turbulenzen und Konflikte zu bewältigen galt – auch just in jenem territorialen Block Europas, der sich und das vermeintlich Vergangene gegenwärtig auf so grausame und zynische Weise in Erinnerung ruft.

Das Festival hat Krisenzeiten überstanden, ist gewachsen und hat es geschafft, den Anforderungen der verschiedenen politischen, ökonomischen und filmwirtschaftlichen Strömungen flexibel zu begegnen. Heute ist es, nicht zuletzt pandemiebedingt, mit neuen Schwierigkeiten konfrontiert und folgerichtig befasst es sich fragend mit den Bedürfnissen unserer Zeit.

© VIENNALE | Rainer Dempf
© VIENNALE | Rainer Dempf

Anlässlich des 60-jährigen Jubiläums im Oktober erscheint daher eine Sonderpublikation, die speziell der Viennale und weitergehend den Filmfestivals gewidmet ist: VIENNALE 60. ON FESTIVALS. versammelt Überlegungen von Festivalexpert:innen in Form von Gesprächen, Interviews und Essays; Angehörige der Branche teilen Erinnerungen und Erfahrungen, erörtern die Vergangenheit und die Gegenwart des/der Festivals, liefern Ideen und Anregungen für die Zukunft. 

Der Grundstein dazu wurde bei der letztjährigen Viennale gelegt, während eines Treffens in Wien zwischen Maialen Beloki vom Donostia Zinemaldia – Festival de San Sebastián, Carlo Chatrian von der Berlinale, Giona Nazzaro vom Festival di Locarno und Paolo Moretti von der Quinzaine des réalisateurs de Cannes. Im Buch finden sich nun zusätzlich Beiträge weiterer Hauptakteure der wichtigsten zeitgenössischen Filmfestivals: Alberto Barbera von der Mostra del Cinema Venedig, Tom Luddy vom Telluride Film Festival, Colorado, USA, sowie Kolleg:innen aus Lateinamerika, Asien und den afrikanischen Mittelmeerstaaten.

Es ist ein guter Zeitpunkt, um über die Präsentation von Filmen sowie die Förderung der Siebten Kunst aus der Sicht von Festivals nachzudenken. Wir möchten dabei sowohl die technischen Aspekte erörtern und fragen, in welcher Weise sie zum Wandel des Mediums sowie der Veränderung von Rezeptionsgepflogenheiten beitragen; als auch uns mit den Beweggründen, der Verantwortlichkeit und der Bedeutung jener beschäftigen, deren Beruf(ung) das Kino ist; und natürlich geht es ganz konkret um die praktischen Aspekte der Veränderungen und die spürbaren Auswirkungen einer Branche im Umbruch.

Doch damit der Jubiläumspublikationen noch nicht genug - mit in diesem Jahr sogar zwei Bänden unserer Reihe TEXTUR feiern wir weiter! 

Textur #1
TEXTUR #1

TEXTUR #4 ist dem kasachischen Regisseur Darezhan Omirbayev gewidmet und beinhaltet - gemäß des editorischen Konzeptes der Reihe - verschiedene Textsorten und Materialien. In Essays, kritischen Stellungnahmen, Gedichten und Fotos, immer auch des Regisseurs selbst, wird eine Karriere beleuchtet, die bereits seit Jahrzehnten äußerst reich und voller Inspiration ist – wie zuletzt AKYN bewies, der im Februar bei der Berlinale zu sehen war. Unter den zahlreichen Autor:innen, die zum Buch beitragen, finden sich die usbekische Künstlerin Saodat Ismailova, vor kurzem mit dem Eye Ar& Film Prize ausgezeichnet und Teilnehmerin der Biennale Venedig sowie der documenta 2022, und die Schauspielerin Isabelle Huppert, die eine Bewunderin von Omirbayevs Filmschaffen ist.

TEXTUR #5 würdigt das Werk eines weiteren großen Meisters unserer Zeit, Alain Guiraudie. Präsentiert werden Fotos und Texte des Filmemachers und Schriftstellers, außerdem Beiträge weiterer Regisseur:innen, Kritiker:innen und Expert:innen, die der Überzeugung sind, dass die originelle Stimme des Andersdenkenden Guiraudie den unkonventionellen Geistern, den Randständigen und den Ausgegrenzten der Gegenwartsgesellschaft Ausdruck verleiht, und das noch dazu mit einem feinen, eleganten Sinn für Humor.

Die 60. Viennale wartet mit zahlreichen Programmpunkten auf: Filmvorführungen, Begegnungen, Gesprächen und Sonderveranstaltungen. Deren erste wir hier ankündigen wollen, da ihr Protagonist einen besonderen Bezug zur Geschichte des Festivals hat: Werner Herzog war 1991 gemeinsam mit Reinhard Pyrker Direktor der Viennale; weiterhin dreht er unvergessliche Filme, die auch dies Jahr wieder Teil unseres Programms sein werden. Am 28. Oktober organisiert die Viennale in Zusammenarbeit mit dem Volkstheater einen performativen Abend mit Lesungen und Musikdarbietungen, um so gemeinsam mit Werner Herzog seinen 80. Geburtstag sowie seinen unschätzbaren Beitrag zu einem stets provokanten Kino zu feiern.

Trailer Viennale 6.0

Wir begehen das Festivaljubiläum mit sechs kleinen Filmen großer Regisseur:innen, die aus unterschiedlichen Traditionen und auch verschiedenen Weltregionen kommen. Sechs Autor:innen, die für mannigfache cineastische Wahrnehmungen, Realitäten und Generationen stehen und damit die Vielfalt und den Reichtum des heutigen Kinoschaffens widerspiegeln.

Sie sind allesamt etabliert, preisgekrönt und allseits geehrt, sie experimentieren und provozieren mit ihrem je eigenen, charakteristischen Stil: von der dokumentarischen Form bis zur sprachlichen Erforschung, vom politischen Kino bis zur ausgefeilten Erzählung - alles ist vertreten. Sechs Regisseur:innen, die das Filmschaffen über die Jahrzehnte seiner Historie hinweg feiern: Claire Denis, Nina Menkes, Sergei Loznitsa, Ryusuke Hamaguchi und Narcisa Hirsch.

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