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das Sujet der Viennale 2020

V'20 - 22. Oktober bis 1. November

Gedanken zum Programm

Die achtundfünfzigste Ausgabe der Viennale findet in einem sehr außergewöhnlichen Jahr statt. Im Laufe ihrer Geschichte hat die Viennale dank ihrer programmatischen, ästhetischen und politischen Grundsätze an Bedeutung gewonnen, sie ist auf internationalem Niveau zu einer verlässlichen Größe und für das Publikum der Stadt Wien zu einem festen Bestandteil des Kalenders geworden.
Doch solange es nicht möglich ist, die Auswirkungen von Covid-19 in wirtschaftlicher, politischer und sozialer Hinsicht abzuschätzen, bleibt auch uns nichts anderes übrig, als flexibel zu sein, unser Augenmerk auf den jeweiligen Moment zu richten und für allfällige Veränderungen offen zu sein. Die Pandemie zwingt uns zum Nachdenken über die Möglichkeiten eines Festivals unter besonderen Voraussetzungen. Also haben wir neu über die Viennale nachgedacht; und haben dabei unseren Überlegungen zugrunde gelegt, was für das Kino gegenwärtig wesentlich und von Bedeutung ist.
Die Ausgabe der Viennale des Jahres 2020 wird demnach eine ebenso essenzielle wie konsistente sein: mit Neuheiten und Veränderungen, doch Charakter und Struktur wahrend. Unter den gegebenen Umständen bietet es sich auch an, über Kino und Festival als Veranstaltungsformen zu reflektieren.
Der Start der neuen, dynamischeren Website der Viennale erschließt nicht nur mehr Inhalte, sondern bietet auch mehr Raum für Austausch. Mit der Erforschung und Neuordnung unseres Archivs geht die Erinnerung an unsere Geschichte in Gestalt von Videos und Fotos Hand in Hand. Außerdem wird es vielfältige Gelegenheiten geben, sich mit Filmemacher*innen, Kritiker*innen und Zuschauer*innen über das auszutauschen, was im Kino derzeit vor sich geht.
Darüber hinaus hält die Viennale unbeirrt an ihrer Rolle als Förderin der Kinokultur fest und damit auch an der Erfahrung des Film-Sehens im Kinosaal. Wir feiern die Kunst der Kinematografie, ihre intellektuelle und sinnliche Kraft, die Komplexität ihrer Produktionsweise und ihre technische Raffinesse. Denn es ist der Ort Kino, an dem die Kunstform Kino zu neuem Leben erwacht. Und es ist der Saal, in dem sich die Energie konzentriert, die Eindrücke sich mitteilen und gemeinsam Erfahrungen gemacht werden.
Die Berufung unseres Festivals wurzelt in der Gemeinsamkeit, in der Teilnahme an einer öffentlichen Veranstaltung, bei der Film, Filmemacher*innen und Zuschauer*innen zusammenkommen. Und wir glauben daran, dass dies auch heuer möglich sein wird.
Natürlich werden wir, um Sicherheit und Wohlergehen des Publikums im Saal zu garantieren, die geltenden Hygienevorschriften erfüllen und auf die Einhaltung der Abstandsregeln achten. Um aber einer größeren Gemeinschaft von Kinofreund*innen die Teilnahme am Festival zu ermöglichen, arbeiten wir mit weiteren Kolleg*innen zusammen, die unsere Interessen teilen und die sich, aktuell mehr denn je, für die gleichen Ziele engagieren. Wir haben also für die V’20 ein neues Netz geknüpft und weitere fünf Säle zu den offiziellen Festivalkinos der Viennale hinzufügt. Admiralkino, Blickle Kino im Belvedere 21, Filmcasino, LE STUDIO Film und Bühne c/o Studio Molière und Votiv Kino schlossen sich unserer Initiative an, die zusätzliche Wiederholungsvorstellungen ermöglichen und das Viennale-Erlebnis auf weitere Teile der Stadt ausdehnen wird.

VIENNALE 2020 – Fest der Synergien, der Kollaborationen, des Zusammenlebens

Um Ihnen einen Teil des diesjährigen Programms zu erschließen, beginnen wir mit einem der Interpretationsansätze, den einige der ausgewählten Filme gemeinsam haben, und der uns in der aktuellen Phase besonders interessant erscheint: Distanz versus Nähe. Dieses Begriffspaar hat gegenwärtig eine besondere Konnotation angenommen, umfasst aber noch weitaus komplexere Bedeutung, wenn man es in Bezug setzt zu unserer Lebensweise und unseren sozialen und politischen Beziehungen. Die Nähe oder der Abstand zu Dingen, Personen, Situationen – seien sie aus Zufall entstanden oder aus Gewohnheit, im Rahmen von Ereignisse eingenommen oder zum Gedankenaustausch – beeinflussen die Art und Weise, in der wir diese wahrnehmen und verstehen. In einer Welt, die auf unterschiedliche Weise kontrolliert wird und bestimmt ist von Konsum und Kommunikation; einer Welt, die die Analyse von Informationen, die die Kenntnis von Details und die Deutungshoheit in einer paradoxen Denkfigur mal erlaubt und mal nur verspricht; in einer solchen Welt kommt dem – nahen oder distanzierten – Blickwinkel eine komplexe symbolische Bedeutung zu.
Oleg Sentsov, der nach seiner unrechtmäßigen Inhaftierung endlich wieder auf freiem Fuß ist, präsentiert NOMERY (Nummern), eine politische Allegorie auf den Totalitarismus. INTIMATE DISTANCES von Phillip Warnell hinterfragt eine Distanzierung, die bereits zu unseren sozialen Gepflogenheiten gehört. AN UNUSUAL SUMMER von Kamal Aljafari richtet den Blick durch Überwachungskameras nach draußen und legt einen menschlichen und persönlichen Kommentar an. Viera Čákanyová setzt die Kamera in FREM impulsartig ein, wie ein quasi mechanisches Auge.
Wie immer befragt sich das Kino zur eigenen Geschichte und zur politischen Lage und wie immer tut es dies mit verschiedenen Akzenten und Ansätzen – erzählerisch, beschreibend oder beobachtend, mal sarkastisch, mal aus vornehmer Distanz.
Aus zahlreichen Beispielen für diese reflexive Haltung seien die folgenden Filme im Programm herausgehoben: DIE LETZTE STADT von Heinz Emigholz, COLOZIO von Artemio Narro, HER NAME WAS EUROPA von Anja Dornieden und Juan David González Monroy, HER SOCIALIST SMILE von John Gianvito und CITY HALL von Frederick Wiseman.
Selbstverständlich zeigt die Viennale auch Werke großer Filmemacher*innen, die dieses Jahr bereits das Glück einer öffentlichen Premiere hatten. Um Ihre Vorfreude zu wecken, teilen wir einige Titel mit, die vielfach auch eine hochkarätige Besetzung vorweisen können. Als da wären unter anderem: FIRST COW von Kelly Reichardt, einer der wichtigen Filme des Jahres, dem wir besondere Aufmerksamkeit widmen. EL GRAN FELLOVE von Matt Dillon, der erste Film des Schauspielers mit dem markanten Gesicht, der nicht nur Liebhaber der Musikgeschichte, sondern auch selbst Musiker ist. Und nicht zuletzt NEVER RARELY SOMETIMES ALWAYS, für den Eliza Hittman bei der diesjährigen Berlinale mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet wurde.
Auch fehlt es nicht an österreichischen Produktionen, von denen wir nur einige der ausgewählten verraten: EPICENTRO von Hubert Sauper, der beim Sundance-Festival prämiert wurde; die außerordentliche Arbeit AUFZEICHNUNGEN AUS DER UNTERWELT von Tizza Covi und Rainer Frimmel über die Geheimnisse des Wiener Lebens Ende der Sechziger Jahre, erzählt von seinen legendären Protagonisten; ZAHO ZAY von Georg Tiller und Maéva Ranaïvojaona, ein Film, den seine Reise zu den Ursprüngen durch die Realität der Gefängnisse Madagaskars führt und der dabei die Zeitzeugenschaft einer Dokumentation mit der Suspense der Fiktion verflicht.
Ein Paradestück ist THE TRUFFLE HUNTERS von Michael Dweck und Gregory Kershaw nicht nur, weil unser diesjähriges Sujet in ihm widerhallt. Und auch nicht nur, weil er tatsächlich eine der großen Überraschungen dieses Jahres und einer der beeindruckendsten unter den in Sundance gezeigten Filmen war. Sondern vor allem, weil er ein einfallsreicher und unterhaltsamer, sorgfältiger und humorvoller Film ist, dem es gelingt, eine ganze Kultur zu beschreiben, indem er, deren Vertreter respektierend, von einer einzelnen Tradition erzählt.

 

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