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das Sujet der Viennale 2020

V'20 SUJETS

V20 Plakat

Biologisch gesehen zählen Pilze zur Domäne der Eukaryoten; sie bilden aber ein von Tieren und Pflanzen unterschiedenes Reich, das ihnen Mitte des vergangenen Jahrhunderts erst zugeteilt worden ist; zuvor wurden sie lange ebenso traditioneller- wie fälschlicherweise dem Pflanzenreich zugeschlagen; heute hingegen weiß man, dass sie mehr Gemeinsamkeiten mit tierischen Organismen haben.

Pilze leben in Symbiose mit anderen tierischen oder pflanzlichen Wesen oder sie sind deren Parasiten, auch die des Menschen. Pilze spielen eine fundamentale Rolle im Kreislauf der Natur und für den Austausch von Nährstoffen in der Umwelt: Sie sind die Urheber von Verwesung und Verwandlung organischer Materie. Pilze leben in dunkler Umgebung, eine Eigenschaft, die sie mit dem Kino gemein haben.
Der Mensch nutzt Pilze als Nahrung, sie kommen als Gärstoff oder Ferment bei der Zubereitung von Getränken und Lebensmitteln zum Einsatz, sie dienen der Desinfektion oder als biologisches Pestizid; antike medizinische Traditionen ebenso wie die moderne Naturheilkunde schätzen Pilze als Heilmittel, und ihrer berauschenden Wirkung wegen kommen sie in religiösen Ritualen ebenso zum Einsatz wie sie in sekularen Zusammenhängen als Mittel der Flucht aus dem Alltag gebraucht werden.
Seit jeher auch werden Pilze aufgrund ihrer psychoaktiven und halluzinogenen Eigenschaften in der Literatur und in den visuellen Künsten als Schlüssel zu den Pforten der Wahrnehmung beschrieben.

Das Sujet der Viennale 2020 stellt eine fröhliche Ansammlung stilisierter Fliegenpilze (Amanita Muscaria) dar, die ikonografisch seit jeher mit psychedelischen Erfahrungen assoziiert werden. So wie ja auch das Kino mit seinen überraschenden Perspektiven zu ungeahnten Erkenntnissen und Visionen anregt und den Blick öffnet in neue Welten.
Diese Aspekte der Verwandlung, des Erstaunens und der Befreiung wollen wir mit unserem Sujet wachrufen: Der Pilz der Viennale, weder Tier noch Pflanze, erinnert doch an beide, obwohl er eigensinnig etwas anderes bleibt – das sich weiter noch transformieren kann.
Zugleich bringt diese farbenfrohe, lebhafte Fläche – auf der sich aus der spielerischen Vermischung von Darstellung und Form vielfältige Möglichkeiten der Assoziation ergeben – viele Pilze zusammen, in gebotener Distanz zwar, aber doch versammelt wie zu einer Feier und einander begegnend.

Retroplakat zu RECYCLED CINEMA

Das Leitmotiv der Verwandlung und der Wiederverwertung prägt auch die Retrospektive, die in diesem Jahr als Kollaboration von Viennale, Filmmuseum und dem Verleih sixpackfilm entsteht, der sein dreißigjähriges Bestehen feiert. Es spiegelt sich in einem Still aus der bahnbrechenden Trilogie FILM IST des im letzten Jahr verstorbenen Gustav Deutsch, der in dieser die Phänomenologie des Mediums Kino vermittels in den Archiven der Welt gefundener Bilder aus anderen Filmen erforschte. Das Kino setzt sich zusammen aus filmischer Materie, die Filmkunst ist ein auf die Welt und die in ihr entstehenden Bilder gerichtetes Kaleidoskop.
Auf unserem Plakat ist ein Einzelbild zu sehen, das ihr Feuer einfängt.

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