Babylon | © Viennale

ALA EDDINE SLIM

Kino an den Rändern
Die Arbeiten des in Sousse, Tunesien, geborenen Ala Eddine Slim entstammen unterschiedlichen Genres: dem Dokumentarfilm, der Videokunst oder – wie seine letzten beiden Langfilme – dem anspruchsvollen Erzählkino. Er interessiere sich für ein Kino an den Rändern, erklärt er; ein Interesse, das sich in der Tiefgründigkeit der von ihm gewählten Themen ebenso widerspiegelt wie in seiner Erkundung verschiedener Stile. In seinem breit gefächerten Werk kehren einige Leitmotive immer wieder: das Problem der Grenzen, der realen wie imaginären Territorien, der Militarisierung, der Illegalität, der Einsamkeit und des Rückzugs.
BABYLON dokumentiert die Auswirkungen des Zusammenbruchs des Arabischen Frühlings in Libyen im Jahr 2012 auf das Nachbarland Tunesien. Während sich im Flüchtlingslager eine internationale Bevölkerung aus Vertriebenen, Reportern und humanitären Helfern ansammelt, stellt sich mit zunehmender Dringlichkeit die Aufgabe, diese gärende Lebendigkeit filmisch einzufangen. Der gemeinsam mit Youssef Chebbi und Ismaël gedrehte Film stellt sowohl auf inhaltlicher wie auf Produktionsebene ein vielstimmiges Unterfangen dar, das mit Frische und Offenheit über den Beginn einer neuen Phase in der arabischen Welt berichtet. Stilistisch erinnert es zudem an Kurzfilme, die Slim für Installationsräume kreiert hat. Erstmals Aufsehen erregte Ala Eddine Slim 2016, als er in Venedig sein Spielfilmdebüt AKHER WAHED FINA (THE LAST OF US) vorstellte. Ein mysteriöser und fesselnder Film, der mit der Illusion des Raumes und mit geografischen Bezügen spielt, und in dem der Protagonist mit seiner Umgebung entweder verschmilzt oder sich in ihr verirrt. Diese Elemente lassen sich auch in Slims bislang letztem Werk wiederfinden, das in Cannes’ „Quinzaine des Réalisateurs“ präsentiert wurde: TLAMESS (ein Begriff, der eine Art von Zauberei bezeichnet) ist eine allegorische und mysteriöse Reise, die die beiden Protagonisten einer Transformation unterzieht. Es ist dies auch die Quintessenz der filmischen Welt des Filmemachers: Ein Kino in stetiger Verwandlung, das doch nie die Zusammenhänge aus den Augen verliert. Slims Kino ist ein atmosphärisches und an Schau - plätzen reiches Kino, kraftvoll und üppig, dessen Gesten politische Gegebenheiten wie filmische Erfahrungen gleichermaßen in Erinnerung rufen – und in dem mitunter auch Reminiszenzen an Meister wie Stanley Kubrick Platz haben.

In Anwesenheit von Ala Eddine Slim.

 

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Filme (Auswahl):

BABYLON
Ismaël, Youssef Chebbi, Ala Eddine Slim, Tunesien 2012

AKHER WAHED FINA
Ala Eddine Slim, Tunesien/Katar/VVAE/Libanon 2016
 

TLAMESS
Ala Eddine Slim, Tunesien/F 2019