VERWANDLUNG DES GUTEN NACHBARN

V' 03

DIE VERWANDLUNG DES GUTEN NACHBARN

Peter Nestler
D, 2002
Dokumentarfilme, 85min, OF

DIE VERWANDLUNG DES GUTEN NACHBARN

Peter Nestler
D, 2002
Dokumentarfilme, 85min, OF

Mit: 
Thomas «Toivi» Blatt
Drehbuch: 
Peter Nestler
Ton: 
Peter Nestler
Kamera: 
Peter Nestler
Rainer Komers
Rainer Hartleb
Schnitt: 
Peter Nestler

Produktion: 
Kintopp HB Solbergsvägen 14, Pl. 5 19457 Upplands Väsby, Schweden T 8 5908 339 pene@spray.se
Weltvertrieb: 
Kintopp HB Solbergsvägen 14, Pl. 5 19457 Upplands Väsby, Schweden T 8 5908 339 pene@spray.se
Format: 
Video (Betacam SP)
Farbe

Thomas «Toivi» Blatt, Sohn eines jüdischen Geschäftsmannes im polnischen Izbica, wurde 1943, im Alter von 15 Jahren, ins Todeslager Sobibór deportiert. Wenn er heute vor der Kamera Peter Nestlers vom Lager spricht, tut er das mit der Autorität und gelassenen Ruhe des Überlebenden das Grauen ist nur schwer vermittelbar, was zählt, sind die Fakten, historische Details und die Augenzeugenschaft jener, denen es gelang zu überleben. Über das Konzentrationslager Sobibór und die spektakuläre Erhebung hunderter jüdischer Gefangener gegen ihre Bewacher hat Claude Lanzmann erst vor zwei Jahren einen Film gedreht. Peter Nestlers Fernseharbeit interessiert sich hingegen nur am Rande für die Systematik der Vernichtungslager. Vielmehr möchte er erfahren, warum von mehr als 500 Geflohenen nur 53 Männer, Frauen und Kinder das Ende des Krieges erleben sollten. Diese Frage führt ihn in Begleitung Blatts seit den fünfziger Jahren amerikanischer Staatsbürger und Autor des autobiografischen Bestsellers «Nur die Schatten bleiben» zurück nach Polen, in die Ruinen der Lager Belzec und Sobibór, und in die Dörfer um Izbica und Lubin. Dorthin, wo die größte Grausamkeit nicht selten von Freunden, Nachbarn und Schulkameraden ausgegangen war. Dass Geschichten nicht zusammenpassen wollen, ist seit Resnais Nuit et brouillard ein unleugbarer Topos jeder Erzählung über die Shoa. Grüne Wiesen bergen, sieht man näher hin, Asche und Knochen, und weder polnische Zeitzeugen noch der schwedische Psychoanalytiker Ludvig Igra, den Nestler als Kommentator bemüht, vermögen zu erklären, warum der eine Nachbar den Verfolgten half, während einen Hof weiter der Bauer die Kinder fortschickte, um einen schlafenden Buben hinterrücks zu erschießen. Als «plain luck» bezeichnet Toivi Blatt sein Überleben; sein Beschützer von damals, ein einfacher, von der Landarbeit gebeugter Bauer, kann dem nur lächelnd beipflichten. Um die willkürliche Gewalt der «guten Nachbarn» in Polen als auch anderswo verstehen zu können, braucht es mehr als allgemeine Erklärungen. Peter Nestlers bescheidener kleiner Arbeit ist das wohl bewusst. (Michael Loebenstein)