RENDEZ-VOUS D’ANNA

V'11

Les RENDEZ-VOUS D’ANNA

Annas Begegnungen

Chantal Akerman
F/B/BRD, 1978
126min, OmdU

Les RENDEZ-VOUS D’ANNA

Chantal Akerman
F/B/BRD, 1978
, 126min, OmdU

Produktion: 
Hélène Film, Unité Trois Paris, Paradise Films, ZDF
Weltvertrieb: 
Verleih in Österreich: 
35 mm/Farbe

Zu Beginn des Films ist Anna, die Titelfigur – Filmregisseurin, Belgierin, in Paris lebend – eben in Essen angekommen, um dort ihr neues Werk vorzustellen. Von diesem Film oder von der Arbeit Annas bekommt der Zuschauer allerdings nie etwas zu sehen. Hotelzimmer, Telefongespräche, Zufallsbekanntschaften und, dies vor allem, Ansichten von Siedlungsgebieten, Stadtlandschaften: Der Nordwesten Europas erscheint mit einem fremden, fast kalten, aber keineswegs interesselosen Blick gesehen. Das Licht des Tages ist diffus, von winterlicher Blässe, und nur die Nacht mit ihren künstlichen Lichtquellen – der warmen Beleuchtung eines Kinoeinganges, dem leuchtenden Stationsschild eines belgischen Bahnhofs, dem flimmernden Blau eines Bildschirms, dem Verkehr des nächtlichen Paris – scheint noch in einen starken Zauber gebannt. In einem Interview hat die 1950 in Brüssel geborene Chantal Akerman von Anna als von einer Nomadin gesprochen, wie sie einsam, ledig, aber im Einklang mit sich selber, umherreise und ihren Film begleite. Die Kamera tritt neben Anna – eine sehr behutsame und differenzierte Aurore Clément – und beobachtet sie in derselben Weise, in der diese junge Frau die Lebensvorgänge um sich herum registriert: gedämpft, wie durch einen Filter, und dennoch sichtlich Anteil nehmend. Der Panzer, der alle Figuren zu umspannen scheint, wird durch die eigentümliche Redeweise um so nachhaltiger aufgebrochen, als ohne Umstände der Blick auf innerste Gedanken und Sehnsüchte, Privatestes und Banales freigegeben wird. Ihre Absicht, durch die Ausschläge der «kleinen», persönlichen Geschichte die Bewegungen der großen, der Weltgeschichte fühlbar und erkennbar werden zu lassen, hat Chantal Akerman in ihrem vierten Spielfilm jedoch noch nicht einzulösen vermocht. Ein exemplarisch die Situation seines Landes illustrierender Deutscher (Helmut Griem) wirkt (unfreiweillig?) komisch, und die wiederholte Beschwörung der wirtschaftlichen Krise bleibt papieren. Die Stärke dieses Films ist nicht die Analyse und nicht der Kommentar, sondern das außerordentliche Sensorium, mit dem das Verrinnen der Zeit bewußt gemacht wird und das eine unabwendbare Melancholie in den langen Einstellungen hochsteigen läßt. (nicht gezeichnet) «Neue Zürcher Zeitung», 5. August 1980