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CHANTAL  AKERMAN
Belgien/Frankreich   2011

Drehbuch Chantal Akerman
Kamera Rémon Fromont, S.B.C.
Ton Pierre Mertens
Schnitt Claire Atherton
Ausstattung Patrick Dechesne, Alain-Pascal Housiaux
Kostüme Catherine Marchand
Darsteller Stanislas Merhar, Marc Barbé, Aurora Marion, Zac Andrianasolo, Sakhna Oum, Solida Chan
Produktion
Artémis Productions, Liaison Cinématographique, Paradise Films

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Farbe
127  Minuten



LA FOLIE ALMAYER

  
TELL A FRIEND


Almayer sitzt in einem südostasiatischen Irgendwo und weiß mit der Gewissheit aller Besessenen wie Verdammten, dass bald, ganz bald alles besser werden wird – die Reichtümer sind immer nur einige Tage und Mühen, zwei Geschäfte oder eine Expedition weit weg, ganz nahe, eigentlich … Aber. Seine Seele verriet er einst durch die Geldheirat mit einer Einheimischen: Zahira, deren Geist verdorrte durch das Zwangsleben an seiner Seite. Zahira gebar ihm eine Tochter: Niña, die sein Svengali von Kompagnon, Lingard, ihm später nahm und in ein katholisches Internat in der Stadt steckte, wo dann die Nonnen versuchten, eine Weiße aus ihr zu machen. Was wiederum eigentlich in Almayers Sinne ist, toben doch die Dämonen des Westens in ihm, lassen ihn glauben, einer höheren Rasse anzugehören – so fantasiert er sich für Niña eine Zukunft zusammen in einer Alten Welt, wo elegante Damen und Herren von Kultur dem Neusten in der klassischen Musik huldigen.
Grau wird Almayer beim Warten, auch wenn sein Antlitz auf unheimliche Weise jung bleibt.
Als Niña, so wunderschön wie zerfressen von (Selbst)-Hass, nach Jahren in das langsam zerfallende Dschungelheim zurückkehrt, wird sich alles anders entwickeln, als gedacht: Mit der Welt des Vaters will die strahlende junge Frau nichts zu tun haben – und wenn sie sich für ihre Freiheit mit einer so virilen wie zwielichtigen Gestalt wie dem Schmuggler/Untergrundkämpfer Daïn einlassen muss …
La Folie Almayer ist weniger eine Conrad-Adaption als vielmehr eine Variation über Motive und Themen aus dem Roman des polnischen Romanciers. Der Film schaut sich, als sei er aus Akermans Erinnerung an den Stoff entstanden: als habe sie allein jene Momente, Konstellationen, Bilder, Gerüche gar und Farben, die ihr im Gedächtnis geblieben waren, für das Drehbuch genommen; genauer gesagt: als habe sie allein das, was ihr selbst unmittelbar etwas sagte, sie direkt berührte, persönlich betraf, als Drehbuchbasis genommen. Diese Elemente baute sie dann zum Teil weiter aus – Niña, z.B., ist im Roman eher eine Nebenfigur, während sie bei Akerman zum Zentrum der zweiten Hälfte des Films wird.
Niña ist eines von Akermans vielen Selbst-Bildnissen – eine weitere Erinnerung daran, wie sie einmal war oder zumindest gern gewesen wäre. So ward etwa die Geschichte mit dem Internat, die bei Conrad wenig mehr ist als eine Andeutung, ausgebaut von Akerman, da sie darin eine Parallele zu ihrem eigenen Leben sah: Cyril Béghin erzählte sie in einem Interview, dass ihr eher laizistisch orientierter Vater sie sofort nach dem Tod seines streng orthodox-jüdischen Vaters in eine staatliche Schule gesteckt habe – als Akt der Selbst-Befreiung, unter dem sie zu leiden hatte; nicht ganz das Gleiche, aber durchaus vergleichbar – eine Art Widerhall.
Was gut passt zu einem Film: Der wirkt wie eine Serie wiederkehrender Echos; dessen Bilder etwas mit vier klaren Hieben aus der Welt Geschlagenes haben; dessen Rhythmus eigentümlich rollend, manchmal unerklärlich, reißend ist in seinem trägen Schaukeln.

Olaf Möller

CHANTAL  AKERMAN
Geboren 1950 in Brüssel. Besucht die Brüsseler Filmhochschule INSAS, die sie jedoch 1968 abbricht. Dreht im selben Jahr ihren ersten Kurzfilm Saute ma ville. Mit ihren sozialkritischen Spiel- und Dokumentarfilmen gilt sie als eine der profiliertesten europäischen Filmemacherinnen. Lebt in Paris. Filme (Auswahl): Je, tu, il, elle (1974), Jeanne Dielman, 23, Quai du commerce, 1080 Bruxelles (1975), News from Home (1977), Nuit et jour (1991), D’Est (1993, Viennale 94), De l’autre côté (2002, Viennale 02), Là-bas (2006, Viennale 06).

31.10.201121:00Filmmuseum




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