V’17: OCTOBER 19 – NOVEMBER 2, 2017

RETROSPEKTIVE

UTOPIE UND KORREKTUR
Sowjetisches Kino 1926–1940 und 1956–1977

Unter dem Titel „Utopie und Korrektur“ präsentieren das Österreichische Filmmuseum und die Viennale im Oktober und November Filme aus zwei spezifischen Schaffensperioden im sowjetischen Kino: den 1920er und 1930er Jahren, sowie aus der Zeit während und nach der „Tauwetter“-Periode, die auf Stalins Tod folgte.

Die diesjährige gemeinsame Retrospektive ist weder chronologisch noch produktionshistorisch aufgebaut. Vielmehr geht es darum, filmische Werke aus zwei bedeutsamen Aufbruchsphasen des sowjetischen Kinos zueinander in Dialog zu setzen: Filme, die von den politischen und ästhetischen Hoffnungen ihrer Zeit, aber auch von den Rückschlägen und Repressalien zeugen, denen Filmschaffende und Intellektuelle ausgesetzt waren. Es gilt – gerade im Jubiläumsjahr der Oktoberrevolution – nicht allein die Utopien, sondern auch deren „Korrekturen“ zu zeigen: Modifikation und Anpassung der gesellschaftlichen und künstlerischen Visionen an die herrschenden Produktionsverhältnisse; aber auch die staatlich verordnete Umarbeitung und Berichtigung von Ideen, Geschichten, Filmen. Die Utopien der ersten Generation sowjetischer Filmschaffender, die in der Terrorherrschaft Stalins „korrigiert“ werden, treffen auf die Hoffnungen, Träume und Enttäuschungen jener Generation von Regisseurinnen und Regisseuren, die nach Stalins Tod 1953 das sowjetische Kino ästhetisch und inhaltlich erneuerten.

Die Retrospektive versammelt 30 Filme, entstanden zwischen 1926 und 1977, die zu fünfzehn dialogischen „Paaren“ angeordnet sind. Kuratiert wurde die Schau von zwei führenden russischen Filmhistorikern: Naum Kleiman (geboren 1937), Gründer des Sergej Eisenstein Archivs und langjähriger Leiter des Moskauer Filmmuseums; und Artiom Sopin (geboren 1988), Lektor an der Russischen Staatlichen Geisteswissenschaftlichen Universität (RGGU). Ihr intergenerationeller Dialog eröffnet uns einen von der gängigen westeuropäischen Perspektive abweichenden Blick auf scheinbar vertraute „Klassiker“, und stellt weniger bekannte Filme in Beziehung zu ihnen. So wird beispielsweise Dziga Vertovs panoramatische Vision der Sowjetunion von 1926 – EIN SECHSTEL DER ERDE – vierzig Jahre später in 235 000 000 (Uldis Brauns, 1967) von einer Gruppe lettischer Filmschaffenden „reaktiviert“, die Vertovs Ideen bloß aus seinen Schriften kannten. Vertovs Filme waren, da mit der Idee des „Sozialistischen Realismus“ nicht konform, längst nicht mehr zugänglich. Ein prominentes Beispiel, stellvertretend für viele der „korrigierten“ Künstlerbiografien der Sowjetzeit, die zwischen künstlerischer Anerkennung und Kontinuität, Verbot und Exil, Wiederentdeckung und Rehabilitierung changieren.

Etliche der gezeigten Filme waren selten oder noch nie in Österreich im Kino zu sehen und sind nur in 35mm-Archivkopien, hauptsächlich in Russland, vorhanden. Die Filme werden in Originalfassung mit Untertiteln gezeigt. Die Kuratoren Naum Kleiman und Artiom Sopin werden von 13. bis 15. Oktober in Wien zu Gast sein, Einführungen zu den Filmen geben und für Interviews zur Verfügung stehen.

Das Österreichische Filmmuseum dankt dem russischen Gosfilmofond sowie dem Österreichischen Bundesministerium für Europa, Integration und Äußeres für ihre Unterstützung bei der Umsetzung der Retrospektive.

EINE PROGRAMM VON VIENNALE UND ÖSTEREICHISCHEM FILMMUSEUM
13. Oktober bis 30. November 2017
Österreichisches Filmmuseum, Augustinerstraße 1, 1010 Wien
Tel. 01/533 70 54 • www.filmmuseum.at

 

FILME DER RETROSPEKTIVE

ŠESTAJA ČAST’ MIRA (EIN SECHSTEL DER ERDE / A SIXTH PART OF THE WORLD)
1926, Dziga Vertov
235 000 000 1967, Uldis Brauns

GENERAL’NAJA LINIJA / STAROE I NOVOE (DIE GENERALLINIE / DAS ALTE UND DAS NEUE // THE GENERAL LINE / OLD AND NEW)
1926–29, Sergei Eisenstein & Grigorij Aleksandrov
TUGOJ UZEL (FESTER KNOTEN /THE TIGHT KNOT)
1956, Michail Švejcer

KRUŽEVA (DIE SPITZE / LACE)
1928, Sergej Jutkevič
VESNA NA ZAREČNOJ ULICE (FRÜHLING IN DER SARETSCHNAJA-STRASSE / SPRING ON ZARECHNAYA STREET)
1956, Marlen Chuciev & Feliks Mironer

PUTEVKA V ŽIZN’ (DER WEG INS LEBEN / ROAD TO LIFE)
1931, Nikolaj Ėkk
VTORAJA POPYTKA VIKTORA KROCHINA (VIKTOR KROCHINS ZWEITER VERSUCH / THE SECOND ATTEMPT OF VIKTOR KROKHIN)
1977, Igor’ Šešukov

ODNA (ALLEIN / ALONE)
1931, Grigorij Kozincev & Leonid Trauberg
STRANNYE LJUDI (SELTSAME MENSCHEN / STRANGE PEOPLE)
1969, Vasilij Šukšin

DELA I LJUDI (DIE TATEN UND DIE MENSCHEN / MEN AND JOBS)
1932, Aleksandr Mačeret
VREMJA, VPERED (ZEIT, VORAN! / TIME, FORWARD!)
1965, Michail Švejcer & Sof’ja Mil’kina

GARMON’ (DIE ZIEHHARMONIKA / ACCORDION)
1934, Igor’ Savčenko
KARNAVAL'NAJA NOČ' (KARNEVALSNACHT / CARNIVAL NIGHT)
1956, Ėl'dar Rjazanov

LETČIKI (DIE FLIEGER / THE PILOTS)
1935, Julij Rajzman
KRY’JA (FLÜGEL / WINGS)
1966, Larisa Šepit’ko

U SAMOGO SINEGO MORJA (AM BLAUESTEN ALLER MEERE / BY THE BLUEST OF SEAS)
1935, Boris Barnet
ČELOVEK IDET ZA SOLNCEM (DER SONNE ENTGEGEN / FOLLOWING THE SUN)
1961, Michail Kalik

SEMERO SMELYCH (DIE SIEBEN KÜHNEN / SEVEN COURAGEOUS)
1936, Sergej Gerasimov
NEOTPRAVLENNOE PIS’MO (EIN BRIEF, DER NIE ANKAM / THE UNSENT LETTER)
1959, Michail Kalatozov

NOVAJA MOSKVA (DAS NEUE MOSKAU / NEW MOSCOW)
1938, Aleksandr Medvedkin & Aleksandr Olenin
IJUL’SKIJ DOŽD’ (JULI-REGEN / JULY RAIN)
1966, Marlen Chuciev

ČLEN PRAVITEL’STVA (MITGLIED DER REGIERUNG / MEMBER OF THE GOVERNMENT)
1939, Aleksandr Zarchi & Iosif Chejfic
PROŠU SLOVA! (ICH BITTE UMS WORT / I WANT THE FLOOR)
1975, Gleb Panfilov

MUZYKAL’NAJA ISTORIJA (EINE MUSIKALISCHE GESCHICHTE / A MUSICAL STORY)
1940, Aleksandr Ivanovskij & Gerbert Rappaport
BEREGIS’ AVTOMOBILJA (VORSICHT, AUTODIEB! / BEWARE OF THE CAR)
1966, Ėl’dar Rjazanov

TIMUR I EGO KOMANDA (TIMUR UND SEIN TRUPP / TIMUR AND HIS TEAM)
1940, Aleksandr Razumnyj
SPASITE UTOPAJUŠČEGO (RETTET DEN ERTRINKENDEN / SAVE THE DROWNING MAN)
1967, Pavel Arsenov

VESENNIJ POTOK (FRÜHLING DES LEBENS / SPRING OF LIFE)
1940, Vladimir Jurenev

KLJUČ BEZ PRAVA PEREDAČI (EIN SCHLÜSSEL, DEN MAN NICHT WEITERGEBEN DARF / THE KEY  THAT SHOULD NOT BE HANDED ON)
1976, Dinara Asanova

 

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