Antichrist beginnt mit einem brutal-brillanten Prolog: Während eines Liebesspiels zwischen Charlotte Gainsbourg und Willem Dafoe befreit sich das Kind des Paars aus seinem Laufstall, klettert auf einen Tisch und steht eine Weile am offenen Fenster - bevor es hinausfällt, viele Stockwerke tief, und in Zeitlupe unten aufprallt.
Was folgt sind die Trauer, die Selbstvorwürfe der Mutter und die Therapie, die ihr Mann, ein Psychologe, ihr verschreibt. Deren Kernstück ist das Benennen und Bekämpfen der eigenen Ängste, und als sie auf die Frage nach ihrer tiefsten Angst «im Wald sein» antwortet, bringt er sie dazu, gemeinsam in jene Waldhütte namens «Eden» zurückzufahren, wo sie den letzten Sommer mit ihrem Kind verbrachten.
Dies erweist sich nicht wirklich als gute Idee, denn das Paar ist in der Hütte «Eden» so wenig allein wie Adam und Eva im Garten Eden. Es gibt nicht den sprichwörtlichen Apfel, aber von Trier baut eine natürliche Drohkulisse auf: kahle Baumskelette, die aus der Erde ragen, reife Eicheln, die permanent aufs Hüttendach fallen, desorientierender Nebel, der wabert. Die beiden sind auf sich selbst zurückgeworfen und schutzlos dem Bösen ausgesetzt. (...) Damit ist der Themenkreis geschlossen: die Natur, die Triebe befreit; die Frau, die ihnen freien Lauf lässt; und der Mann, der dies als «böse» bezeichnet und unterdrückt.
Antichrist dringt in Bereiche vor, die bisher dem Hardcore vorbehalten waren, sowohl beim Sex als auch bei der Körperzerstörung. Niemand, der aus diesem Film kommt, wird seinen Werkzeugkasten mit den gleichen Augen ansehen wie davor. (Hanns-Georg Rodek)
LARS
VON TRIER
Geboren 1956 in Kopenhagen. Studium an der Dänischen Filmhochschule. 1984 sorgt er mit
The Element of Crime für Aufmerksamkeit und avanciert mit
Europa (1991, Viennale 91),
Breaking the Waves (1996, Viennale 96),
Idioterne (1998, Viennale 98),
Dancer in the Dark (2000, Viennale 00) und
Dogville (2003, Viennale 03) zu einem der weltweit bedeutendsten Regisseure. Mit Zentropa Entertainment gründet er außerdem seine eigene Produktionsfirma und zeichnet für die TV-Serien
Riget (1994, Viennale 94) und
Riget II (1997, Viennale 97) verantwortlich.