Kate trägt schwer an einer Last aus der Vergangenheit. 15 Jahre war sie fort, jetzt, da ihr Vater, ein Zirkusimpresario, gestorben ist, ist sie zu den Artisten zurückgekehrt. Für ein paar Tage geht sie mit ihnen auf Tour durch die französischen Meeralpen.
Es ist Sommer, die Dörfer liegen idyllisch im Schatten der Platanen, die Kamera sieht sich an den felsigen Gipfeln und Hochebenen satt. Die Wohnwagen mögen fünfzig Jahre alt sein, das Zelt ist winzig, die Nummern der Artisten schleppen sich, und die Ränge sind an jedem Abend fast leer. An Kates Fersen hängt sich ein Fremder, Vittorio, er besucht jede Vorstellung, über die Auftaktnummer der Clowns lacht er schon, bevor sie lustig wird. Ungefragt gibt er Ratschläge, etwa wie die Teller, die im Verlauf der Nummer kaputtgehen, besser zur Geltung kommen: Man müsse die Wertschätzung fürs Geschirr offensiver zeigen. Von einem Unfall, der sich vor vielen Jahren zutrug, ist immer wieder die Rede. In einer Szene steht Kate auf einem Friedhof vor einem verwitterten Grabstein und sagt dem Toten, sie habe nie wieder einen Mann so geliebt wie ihn.
Rivette, mittlerweile 81 Jahre alt, setzt all dies ohne große Emphase und Dramatik, dafür mit mildem Humor und einer Vorliebe für theatralische Auflösungen in Szene. Für Letzteres ist das Zirkuszelt wie geschaffen: Seine blauen Planen erzeugen künstliche Farbeffekte und perfekte Gelegenheiten für die Auftritte und Abgänge der Figuren.
36 vues du Pic Saint Loup ist ein kleiner Film, ein wenig altmodisch wie der Wanderzirkus, aber gerade darin rund. Um das traumatische Erlebnis schleicht er herum, er lässt von ihm ab, rührt es wieder an und wirft es dann fort, wie eine Katze, die mit einer Maus spielt. Doch gegen Ende beißt der Film doch noch zu. (Cristina Nord)
JACQUES
RIVETTE
Geboren 1928 in Rouen. Kommt 1949 nach Paris, wo er Eric Rohmer, François Truffaut und Jean-Luc Godard kennenlernt. Schreibt ab 1953 bei den «Cahiers du cinéma». 1960 dreht er mit
Paris nous appartient eines der frühen Hauptwerke der Nouvelle Vague und etabliert sich als einer der führenden europäischen Filmemacher. Die Viennale widmet ihm im Jahr 2002 eine Retrospektive. Filme (Auswahl):
Céline et Julie vont en bateau (1974),
Merry-Go-Round (1977/83),
La Belle noiseuse (1991),
Secret défense (1998),
Va savoir (2001),
Ne touchez pas la hache (2007, Viennale 07).
Am 26.10. in Anwesenheit von Jane Birkin.